Der Mann könnte des Abends Vergnüglicheres tun. Andere Leute gehen ins Kino. Dieser Mann arbeitet, lässt sich dabei zugucken und sieht unfroh aus. Früher war sein Blick am Arbeitsplatz noch gequälter, tausend Skrupel hockten in seinen Augen und zuckten als Falten in seinen Wangen, in seiner Stirn. Jeder Handgriff spiegelte sich dort als Schmerzenstat. Irgendwann zeigte ihm jemand das Video eines Klavierabends, und erschrocken über sich selbst, begann er sein Gesicht und das Zucken zu kontrollieren. Das Nachdenken, die schlimmste aller Tätigkeiten, aber wollte er nie in den Griff bekommen.

Wenn Alfred Brendel daheim am Well Walk im Norden Londons, wo er seit 30 Jahren lebt, die Tür öffnet, springt den Besucher ein ganz anderes Gesicht an. Heute hat der große Pianist frei, Brendels Blick ist unbewölkt und entspannt, gleich wird der Pianist nicht am Klavier sitzen, sondern in einem lustigen Wippstuhl. Alfred Brendel wippt daheim, das wollen wir festhalten. Doch die Entspannung täuscht, sobald er den Mund öffnet. Er formuliert genau und scharf, das Mikrofon ist ihm ein gefährliches Gerät, dem nichts entgeht. Brendel spricht druckreif, sein Verstand fräst sich die Worte zurecht. Wenn man ihn nach der Notwendigkeit fragt, Rachmaninow zu spielen, sagt er: "Vertane Zeit." Wenn beim Gespräch das Telefon bimmelt, zieht er den Stecker aus der Wand und sagt: "Jetzt nicht!" Wer Alfred Brendel gegenübersitzt, hat einen Gesprächspartner, der jedes Wort so ernst nimmt, als hinge die Welt davon ab.

Wenn Alfred Brendel die Impromptus von Franz Schubert spielt, kann er nicht wippen. Er hat aber über diese Musik unendlich lange nachgedacht, er hat sie klag- und klanglos befragt, in vielen Stunden im Stuhl wippend, er hat sich von allen Seiten der Musik genähert wie einer, der eine Skulptur anschaut, für die man den dreidimensionalen Blick haben müsste. So kam es, dass Brendel irgendwann seinen Schubert und all die anderen für unerschöpflich hielt. Dass er nie fertig mit ihnen wird. Dass er alle zehn, fünfzehn Jahre wieder neu mit ihnen anfängt. Das ist Brendels Eingeständnis von Demut, nicht von Unvermögen. Jemand, der den Großen dient, muss sich klar darüber sein, dass er im Dienst einer höheren Genialität steht, an der er sich abarbeiten darf wie Sisyphos, der glückliche Mensch.

Jeder Komponist ist für ihn eine Vaterfigur

Nehmen wir Schuberts Impromptu Es-Dur: Da schnurrt die rechte Hand in Achtelnoten durch die Oktaven, als erfülle sie einen fidelen Auftrag. Der raue, energische h-moll-Mittelteil indes wirft über diesen Beginn und dessen spätere Wiederkehr einen Schatten. Die Kunst des Klavierspiels besteht darin, diesen Schatten spüren zu lassen, ihn nicht aufzuhellen. Der Schatten liegt bei Brendel wie Albdrücken auf der Arglosigkeit. Seine gestalterische Kraft versteht es, noch der perlendsten Musik die vermeintliche Unschuld zu rauben. Das gelingt ihm hier, indem er den Rhythmus der linken Hand plötzlich stärker akzentuiert. Mit kleinsten Mitteln glücken ihm ungeheure Ergebnisse.

Über all die Jahre der rastlosen Beschäftigung mit Beethoven und Schubert, Haydn und Liszt, Mozart und Schönberg ist Alfred Brendels Spiel so jung geworden, wie es nie hätte alt werden können. Das heißt: Er begegnet Werken auf immer frischerer Bewusstseinsstufe. Alte Erfahrungen verbünden sich mit neuen Erkenntnissen, ohne dass Spuren von Ablagerung zu erkennen sind. Im Gegenteil: Je häufiger er Stücke aufführt, desto klarer, wesenhafter wirkt sein Spiel. Transparenz durch Reifung. Das Leben am Klavier als (endlose?) Reise in jenen großen letzten Raum, durch dessen Fenster das Licht am hellsten fällt. Größte Befriedigung verspürt er, wenn es ihm gelingt, Beethovens späten Bagatellen jeden Rest von Brendel auszutreiben. Wenn er Liszts h-moll-Sonate sozusagen als reine Kunst dastehen lässt, der man die Vermittlung durch einen Pianisten nicht mehr anhört.