Klassik Der NachdenkerSeite 4/4

Soeben erschien bei Philips, Brendels Hausmarke, eine Live-Aufnahme von Schubert-Sonaten, die einen von einer Überraschung in die nächste stürzt. Die schönste: Brendel singt. Die späte B-Dur-Sonate, Schuberts erdenfernste Musik, nährt sich bei Brendel plötzlich wieder von lyrischen Säften. Schubert ist hier nicht der existenzialistische Pate Samuel Becketts, sondern ein stiller Wanderer inkantabler Einsamkeit. Diese Musik, so gespielt, ist nicht ausweglos. Sie sucht sich freilich ihren Weg über die Abgründe des Melodischen. Brendel zerstört Schubert nicht, die unheimliche Ruhe seines Spiels betreibt die Ahnungen davon selber. Und man erlebt die Wucht der Schlichtheit. Danach Jubel im Saal.

Den elften Finger hat der Dirigent

Vielleicht wären Brendels Wege anders verlaufen, wenn man ihn zu Beginn der fünfziger Jahre auf die Moderne verhaftet hätte. Vielleicht hätte er dann Boulez gespielt, Messiaen oder Ligeti. Derlei überlässt er ("Ich habe das Recht, mich für anderes zu entscheiden!") heutzutage lieber Künstlern wie Pierre-Laurent Aimard, der bei den geplanten Leseabenden Brendels Begleiter am Klavier sein wird. Brendel kann Kollegen bewundern, bei Aimard tut er es aus vollem Herzen.

Der Wippstuhl sieht, wenn Brendel sich erhebt, etwas abgewetzt aus. Hinter ihm immer die Türme aus Büchern. Das will er alles noch lesen? Die zwei Bände mit den 32 Beethoven-Sonaten: Wird er sie wieder spielen, zur erneuten Reflexion, zur Selbstüberprüfung, zum Eintritt in die Zone höherer Wahrheit? Der Pianist hat nur zehn Finger und keinen Finger zu viel. Den elften Finger hat freilich Simon Rattle. Wieso? Nachmittags schauen wir uns gemeinsam den BBC-Dokumentarfilm Alfred Brendel - Mann und Maske an, mit einer Probenszene aus den fünf Klavierkonzerten. Da hat Brendel beide Hände voll zu tun, und Rattle markiert einfingrig die harmoniefremden Töne der Pauke im Orchester. "Eine wichtige Stelle!", ruft Brendel diebisch, die müsse ganz deutlich kommen. Daheim auf der CD ist der Moment tatsächlich von frappierender Luzidität. Das kleinstmögliche Chaos in Form eines blitzenden Aperçus.

Mehrmals dieses Jahr wird Brendel zu dieser Stelle gelangen und hinter der Maske des grüblerischen Kontrollgeistes vielleicht lächeln, wer weiß, im April in Boston, im August in Salzburg oder im Oktober in Tokyo. Wenn aber der Flügel nicht einwandfrei intoniert ist und das Publikum Halsweh hat? Das wäre für Brendel das Störendste auf dem ewigen Weg zu den Vaterfiguren, die man so sehr lieben darf, dass man als Pianist bestenfalls hinter ihnen verschwindet.

 
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