R I N D E R W A H N S I N N Mahlzeit! Es ist angerichtet
Am deutschen BSE-Skandal haben viele Schuld: Bauern, Agrarindustrie, Lebensmittelhandel - und Verbraucher
Es geht nicht nur um die Wurst, es geht um mehr: ob wir künftig noch ein gutes Steak auf den Teller bekommen. Und was es kostet. Seit die Rinderseuche auch zum deutschen Problem wurde, mögen die Verbraucher kein Rindfleisch mehr.
Bis zu zehn Millionen Mark extra werden die Agrarlobbyisten von der Centralen Marketing-Agentur (CMA) in diesem Jahr ausgeben, um das ramponierte Image von Rindsbratwurst und Kalbsschnitzel aufzupolieren. Das wird der CMA-Aufsichtsrat am 18. Januar beschließen, einen Tag vor dem Start der Grünen Woche in Berlin. "Man darf jetzt nicht auf die Kosten schauen", sagt Verbandssprecher Helmut Brachtendorf, von Haus aus selbst Landwirt und Ferkelerzeuger. Und er will beruhigen: "Panik ist nicht angebracht."
Doch statt ruhig zu bleiben, schiebt jeder die Schuld an BSE dem anderen zu: Bauern den Futterproduzenten, weil sie deren Tiermehl verarbeitet haben. Verbraucher den Fleischbetrieben, weil diese ihre Würste mit falschen Etiketten beklebten. Händler den Hausfrauen, weil sie beim Einkauf nur der Preis interessiere. Und alle dem Staat, weil er zu wenig kontrolliert habe. Und jeder von ihnen hat Recht.
Am 24. November ist das erste BSE-Rind in Schleswig-Holstein amtlich dokumentiert worden. Ende des Jahres wurden auch noch Wurstwaren entdeckt, deren Etiketten fälschlicherweise versprachen, dass sie frei von Rindfleisch seien. Der Rindfleischmarkt in Deutschland ist zusammengebrochen, die Fleischerinnungen sprechen von Absatzeinbußen bis zu 80 Prozent. Jetzt steckt die gesamte Branche tief in der Krise: Weil die Verbraucher kaum noch Rindfleisch oder Wurst mit Rind kaufen, räumen die Händler ihre Theken leer, wird kaum noch geschlachtet, halten die Bauern ihre Tiere zurück. Die Preise für Schlachtvieh sind eingebrochen. Eine Spirale dreht sich, deren Ende nicht absehbar ist. Denn BSE ist keine der herkömmlichen Tierseuchen, die sich schnell beseitigen ließen. Der Wahn lässt auch die Wissenschaft vorerst ratlos. Bauern und Konsumenten müssen damit leben.
Der Zusammenbruch trifft eine Branche, die ohnehin schon angeschlagen war. Seit 1994 in Großbritannien die ersten BSE-Fälle bei Rindern bekannt wurden, ist der Konsum von Rindfleisch, das normalerweise das meiste Geld einträgt, hierzulande kontinuierlich gesunken (siehe Grafik Seite 18). Die größten Schlachtbetriebe, Nordfleisch in Hamburg, Westfleisch in Münster und die Münchner Südfleisch, alle drei Genossenschaften, sowie die börsennotierte Moksel in Buchloe bei Augsburg schreiben rote Zahlen. Das liegt nur zum Teil an der Zersplitterung der Branche - die vier Großen bringen es zusammen auf lediglich 30 Prozent Marktanteil, den großen Rest teilen sich einige hundert kleinere Betriebe. Das Hauptproblem aber: Die Branche leidet schon seit Jahren unter Überkapazitäten. Von bis zu 30 Prozent ist die Rede. Die deutsch-deutsche Vereinigung hat zu dieser Entwicklung beigetragen, denn in den neuen Bundesländern wurden hochmoderne Schlachtbetriebe gebaut, während die Tierbestände kontinuierlich zurückgingen.
"Wir stecken seit über zehn Jahren in elementaren wirtschaftlichen Schwierigkeiten", sagt Dierk Boie, Sprecher der Nordfleisch AG. So werde das Fleisch vom Lebensmittel-Einzelhandel als "billiges Lockmittel" benutzt. Die durchschnittliche Umsatzrendite eines Schlachtbetriebs, bestätigt Klaus Heitlinger vom Verband der agrargewerblichen Wirtschaft in Stuttgart, liegt bei 0,5 Prozent - vor BSE.
Voller Neid blickt die Branche deshalb ins Nachbarland Dänemark, wo der größte Schlachtbetrieb mehr als 80 Prozent des Marktes beherrscht und den Bauern vertraglich vorschreibt, was sie ihren Tieren verfüttern und welche Medikamente sie verabreichen dürfen. Zwar ist es nun auch in Deutschland verboten, dem Rinderfutter Tiermehl und dem Milchaustauscher - Milchersatz für Kälber - Tierfette beizumischen, doch es mangelt an den nötigen Kontrollen.
"Bei den Lebensmittelkontrollen ist Deutschland Schlusslicht"
Die fehlende Sicherheit beklagen nicht zuletzt die Bauern. Sie haben nur getan, was sie tun durften. Besonders für die Kleinbauern in Bayern war es ein Schock: Ausgerechnet auf ihren Familienhöfen wurden die meisten BSE-Fälle entdeckt. Was bleibt ihnen nun als Ausweg aus der Krise? Keiner will ihr Fleisch kaufen, doch können sie die Tiere auch nicht beliebig lange auf die Weide schicken. "Irgendwann muss man die Tiere zum Schlachten geben", sagt Franz Moser vom Bauernverband Bayern. Je älter sie werden, desto weniger bringen sie ein. Die einzige Rettung, so Ulrich Goullon vom Bauernverband Schleswig-Holstein, sei nun eine Aufkaufaktion von Bundesregierung und EU.
Der Staat soll's richten, schließlich hat auch er zu dem Problem beigetragen. Der Brüsseler Verbraucherkommissar David Byrne wirft Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke und Gesundheitsministerin Andrea Fischer vor, sie hätten nicht nur die einschlägigen BSE-Warnungen in den Wind geschlagen, sondern auch die notwendigen Kontrollen vernachlässigt. Und Byrne hat Recht. "Bei den Lebensmittelkontrollen ist Deutschland in Europa Schlusslicht", sagt Hans-Henning Vieth, Vorsitzender des Bundesverbandes der deutschen Lebensmittelkontrolleure. Altgediente Prüfer spotten, die Überwachung der Lebensmittel funktioniere "in der Regel erst dann, wenn der Skandal da ist".
Das verwundert kaum. Die Kontrolle von Lebensmitteln ist in Deutschland so konfus organisiert, dass selbst Fachleute rätseln, wenn sie verbindlich sagen sollen, welche Behörde für welche Aufgaben zuständig ist. Je nach Bundesland ist mal der Innenminister, mal der Sozial- oder der Umweltminister zuständig. Gelegentlich haben auch die Landwirtschafts- oder die Gesundheitsminister das Heft in der Hand. Und weil die Länderminister ihre Arbeit weiterdelegieren, setzt sich der Kompetenzdschungel weiter unten fort: Mal greifen staatliche Veterinärämter in die Kontrolle ein, mal Ortspolizisten. Jetzt hat Bundeskanzler Gerhard Schröder die Präsidentin des Bundesrechnungshofes zur Krisenbewältigung losgeschickt. Hedda von Wedel soll den Wirrwarr lichten.
Zum Chaos der Zuständigkeiten kommt ein Mangel an Kontrolleuren: Knapp 2600 gibt es bundesweit - zu wenig, wie Verbandschef Vieth klagt: "Das Personal ist in den letzten Jahren wegen der Haushaltssperren derart ausgedünnt worden, dass manche Behörden nur noch ein oder zwei Kollegen für die Aufgaben einsetzen, die früher auf sechs verteilt waren." Wer in den Ruhestand geht, wird nicht ersetzt - oder erst nach drei, vier Jahren. Kein Wunder, dass EU-Kommissar Byrne beklagt, die Deutschen würden die Brüsseler Überwachungsvorgaben - vier Betriebskontrollen pro Tag - nicht einhalten. Der akute Personalmangel lässt das nicht zu.
Die Sache wird immer schlimmer. Zwar konnte der Handel sein Weihnachtsgeschäft zunächst noch unbeeindruckt durchziehen. Mit Schwein, Geflügel, Fisch, Wild und Exoten wie Elch-, Rentier- oder Straußenfleisch war schnell Ersatz gefunden. Der Essener Karstadt-Konzern hatte zudem seine Wurstlieferanten aufgefordert, bis zum 22. Dezember 12 Uhr schriftlich mitzuteilen, dass ihre Ware ohne das verdächtige Separatorenfleisch hergestellt wird. Schließlich die Schreckensnachricht: In Nordrhein-Westfalen fanden die Tester des Landwirtschaftsministeriums Rindfleischeiweiße in Würsten, in denen laut Etikett keine sein dürften. "Wir können uns das nicht erklären", sagt Peter Glandien, der Geschäftsführer des Herstellers, Fleischwaren Rostock. "Für die getestete Wurst verwenden wir seit Jahr und Tag kein Rindfleisch. Das wäre ja auch Blödsinn, bei den bislang hohen Rindfleischpreisen dieses in Bockwürstchen zu packen."
"Wir machen hier keinen Etikettenschwindel", wehrt sich auch Christian Rauffus gegen den Vorwurf der Panscherei. Der Inhaber der Rügenwalder Mühle gibt zu, dass Teewürste versehentlich falsch ausgezeichnet wurden. Man solle aber nicht glauben, dass alles "wurstzipfelgenau etikettiert" werden könne. Stattdessen würden jeweils rund acht Tonnen Würste zugleich mit den Inhaltsangaben beklebt. Und bei einem Schub seien noch Würste nach alter Rezeptur - mit Rindfleisch - dazwischengekommen.
Der Streit geht hin und her. Die Verbraucher sind verunsichert und fragen sich, wem sie noch glauben können. Die Folge: kollektiver Fleischtourismus. Man fährt hinaus zu den Bauernhöfen - um zu sehen, wo das Steak herkommt. Wie die Rinder leben. Und vor allem, was sie fressen. Biobauern erleben in diesen Tagen einen regelrechten Ansturm neuer Kunden. Bei vielen der so genannten Direktvermarkter - jenen Bauern, die Biofleisch im eigenen Hofladen verkaufen - habe sich der Umsatz verdoppelt, sagt Renée Herrnkind vom Demeter-Verband. Mit "Biobauern schaffen Sicherheit!" wirbt der Bioland-Verband im Internet um Kunden. Das Hauptargument der Ökohersteller: Tiermehl zu verfüttern war im biologischen Landbau schon immer verboten; stattdessen fressen die Tiere Gras, Heu und Kraftfutter, das der Bauer zum Großteil selbst herstellt - aus Biogetreide, Eiweiß, Ackerbohnen und Mineralstoffen. Auch die in die Kritik geratenen Milchaustauscher sind beim Biobauern tabu: Dort bleibt das Kalb die ersten drei Monate bei der Mutter.
Die Krise der industriellen Landwirtschaft kommt den heimischen Ökobauern gerade recht. Geschätzte 10 000 Biohöfe gibt es in Deutschland - doch zusammen kommen sie gerade mal auf einen Marktanteil von etwas über zwei Prozent. Zum Vergleich: Im Nachbarland Dänemark besetzt die Ökofraktion bereits gut acht Prozent des Marktes. Jetzt hoffen die deutschen Biobauern, dass die Verbraucher beim Fleischkauf im Hofladen auch gleich die anderen Bioprodukte einpacken: Gemüse etwa oder Brot.
Die Frage ist jedoch, ob der Boom anhält. Selbst Verbandsvertreter sind skeptisch. "Das lodert kurz hoch und reduziert sich dann wieder", sagt Renée Herrnkind von Demeter. "Man kennt das ja von anderen Skandalen." Bisher achtete der Großteil der Deutschen zwar akribisch darauf, was das Kilo Rindfleisch kostete - aber weniger darauf, woher es kam. Biobauern, die ihr Fleisch zum Teil um die Hälfte teurer anboten, hatten kaum eine Chance.
Deswegen tragen der Handel und die Verbraucher selbst eine Mitschuld an dem Lebensmittelskandal. In kaum einem Industrieland wird weniger vom Haushaltsgeld für Nahrungsmittel ausgegeben als in Deutschland. In kaum einem anderen Land ist freilich auch der Wettbewerb so mörderisch wie im heimischen Lebensmittelhandel, wo allein zehn Großunternehmen miteinander ringen. Einziges Profilierungsinstrument ist der Preis. Dass billig, billig bei den Endprodukten auch billige Herstellung bedeutet, musste am Ende auch jedem Verbraucher dämmern.
Kehren die Deutschen auch nach diesem Skandal zurück zu ihrer Normalität - oder üben sie Druck aus auf Hersteller und Staat, für Qualität zu sorgen? Solange unklar ist, was den Rinderwahn auslöst, bleibt die Unsicherheit. Und so lange währt zumindest die Chance zur Veränderung.
Trotzdem überwiegt die Skepsis, auch bei Wolfram Schmuck, dem Sprecher des Lebensmittelkonzerns Rewe. In allen Verbraucherumfragen werde versichert, dass man für bessere Qualitäten auch mehr bezahlen wolle, "aber am Ende entscheidet immer der Preis".
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