Die Stehauffrau

von Ralph Geisenhanslueke

Jackie Brown steht auf einem Transportband. Sie trägt die blaue Uniform der Cabo Air, der shittiest-little-shuttlefucking piece of shit Mexican airline, wie es später heißt. Ihre teilnahmslose Mimik deutet an, dass ihr Leben nicht viel fröhlicher ist als dieses Flughafenterminal mit seinen endlosen gefliesten Gängen. Jackie Brown ist Mitte 40, vorbestraft, ohne Mann, 16 000 Dollar Jahresgehalt. Ein Gesicht, das von Niederlagen erzählt - und vom Wieder-Aufstehen. Um die Mundwinkel spielt Resignation, in den Augen glänzt ungebrochener Stolz.

Vor rund 25 Jahren gehörte dieses Gesicht einer Action-Amazone. Damals lagen blaxploitation-Filme im Trend: schnelle, preiswerte Abenteuer, bevölkert mit kleinen Ganoven, Dealern und Zuhältern - und schwarzen Helden. Nie wieder waren die Plateausohlen höher, die Musik heißer, der Sex freier. Samuel L.

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Jackson, der im abgelaufenen Jahr die Reinkarnation von Shaft spielte, schwärmt noch heute: Als Afroamerikaner hatte man niemals zuvor die Chance, ins Kino zu gehen und sich in dieser Art zu sehen: rebellisch, Anti-Establishment, gut angezogen.

Gut, wenngleich knapp bekleidet war auch Pam Grier. Nicht ganz zufällig gab die Tochter eines Flugzeugmechanikers und einer Cherokee-Indianerin ihr Debüt 1970 in Russ Meyers Tal der Puppen. Es folgten Engagements in der Trash-Fabrik von Roger Corman, der gerade den Frauenknast als cineastischen Ort entdeckte. Dort sang sie den Song Long Time Woman - der auch im Soundtrack von Jackie Brown zu hören ist.

Pam Grier sang gelegentlich auf Platten von Soul- und Funk-Größen wie Bobby Womack oder Sly Stone. Doch zu ihrem Image wurden Figuren wie Foxy Brown, Sheba Baby oder Coffy - Die Raubkatze. Coole Schwestern, die im Ghetto aufräumten und die Männer nach Belieben zur Brust nahmen - oder ihnen eine Ladung Blei verpassten. Der Teenager Quentin Tarantino hängte sich ihr Poster übers Bett.

Nach ein paar kurzen, fröhlichen Jahren war blaxploitation ausgemolken. Pam Grier bekam nur noch kleine Rollen. Die achtziger Jahre überlebte sie unter anderem als gelegentliche Freundin von Don Johnson in Miami Vice. Und sie überlebte die Diagnose, an Krebs zu leiden ihre Schwester starb daran kurze Zeit später. Bereits in Quentin Tarantinos erstem Film, Reservoir Dogs, begeisterten sich die Schmalspurganoven für Pam Grier. Seine filmische Liebeserklärung an die Königin unter den Frauen wurde ein doppeltes Comeback. In der Rolle der Jackie Brown bessert sich Pam Grier das magere Einkommen durch gelegentliche Nebenjobs auf: Sie schmuggelt für ihren Ex, einen Waffenhändler, gespielt von Samuel L. Jackson. Das Verwechslungsspiel um eine Tasche mit einer halben Million Dollar, angesiedelt in der Low-Life-Welt am Rande von Los Angeles, gipfelt in einem furios verschachtelten Showdown in einem Einkaufszentrum.

Der Travolta-Effekt blieb aus. Pam Grier ist wieder gut im Geschäft, rückte aber nicht nochmal in Hollywoods A-Klasse auf. Doch der Respekt ist ihr gewiss. Die schwarzen HipHop-Diven der Gegenwart wären nicht denkbar ohne sie. Eine, die sich nach dem Film Foxy Brown nennt, bezeichnet sie als ihre Mutter. Eine Mutter allerdings, die mit 51 Jahren aussieht wie ihre jüngere Schwester. I'll bet, besides maybe an afro, you look exactly how you did at 29, sagt der glühend in sie verliebte Kautionsmakler Max Cherry in Jackie Brown. Sie antwortet: Well, my ass ain't the same. - Bigger? - Yeah. -

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