Unsere Klassengesellschaft

Wie könnten die Deutschen angemessen über ihr Gemeinwesen sprechen? Ein unzeitgemäßer Vorschlag

Vor einiger Zeit präsentierte das Magazin Spiegel-reporter eine Titelgeschichte über die "Internet-Deutschen". Während Boris-"Ich bin drin"-Becker als Musterexemplar dieser neuen Spezies den Leser anlächelte, versuchten die Zahlenkolonnen einer Emnid-Erhebung, der Behauptung des Magazins wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen: Deutschland teilt sich - in diejenigen mit Internet-Anschluss auf der einen Seite und die minder Privilegierten ohne Internet auf der anderen. Nicht näher bezeichnete "Gesellschaftskritiker" warnen angeblich bereits "seit Jahren" davor, doch nun ist das Unglück eingetreten: Die internetlosen Deutschen sind das neue "Proletariat", ganz Deutschland "ist auf dem Weg in die Zwei-Klassen-Gesellschaft".

Man staunt und stutzt. Erst einmal verwundert es, dass zehn Jahre nach dem Ende des europäischen Kommunismus noch einmal Begriffe aus dem Arsenal der politischen Sprache geholt werden, mit denen Marx einst den Durchbruch der Industriegesellschaft begleitete und die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, in der DDR noch länger, die Selbstdeutung von Politik und Gesellschaft prägten. Haben wir nicht die unglückseligen Zeiten der sozialen Zerklüftung der Gesellschaft in ein ärmliches Proletariat und eine vermögende Bürgerschicht, wenigstens im Westen Deutschlands seit den Zeiten des Wirtschaftswunders, glücklich überwunden? Leben wir nicht längst einträchtig beieinander, in der Harmonie des Massenkonsums? Sehen wir uns nicht viel lieber als moderne, dynamische "Wissens-" oder "Zivilgesellschaft"? Die Rede von einer neuen Zweiklassengesellschaft zeigt immerhin, dass sich ältere Muster der sozialen Struktur in unserem kollektiven Gedächtnis erhalten haben, die manchmal wie schlechtes Gewissen über uns kommen.

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Schaut man aber genauer hin, wird klar: Was hier als neue Spaltung der deutschen Gesellschaft entlang der "Internet-Linie" verkauft wird, ist alles andere als neu. Es ist vielmehr ein getreues Abbild der alten Klassengesellschaft, die wir verdrängt haben, ohne ihre Realität beseitigen zu können. Die Internet-Linie trennt in altbekannter Manier diejenigen, die in ungesicherten, schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen leben, die viel fernsehen und wenig Bücher lesen, von den anderen, die von der ökonomischen Entwicklung profitieren, vielleicht selbstständig sind, in jedem Fall gut verdienen und an der Bildungs- und Informationsflut partizipieren. Sagen wir es deutlich: Bildung und Besitz sind immer noch die Grundlage dieser neu-alten Klassengesellschaft. Aus Bildung und Besitz ergeben sich bestimmte Vorlieben und Lebensentwürfe, zu denen jetzt eben auch das Internet gehört.

Sogar in den politischen Präferenzen spiegelt sich das Muster der bürgerlichen Klassengesellschaft wider: Die FDP und die Grünen genießen bei Internet-Nutzern viel mehr Ansehen als bei den Nichtnutzern - nicht etwa, weil Guido Westerwelle so viel vom Surfen versteht, sondern weil diese beiden Parteien gegenwärtig am stärksten den Charakter von Klassenparteien haben: die FDP als Partei des "Mittelstandes" - in Wirklichkeit der bestverdienenden Geschäftsführer und Zahnärzte -, die Grünen als Parte i der bildungsbürgerlichen Erbmasse aus Lehrern, Sozialpädagogen und Universitätsdozenten.

Gewiss ist manches an den Spannungslinien unserer Gesellschaft durchaus neu.

Drei wichtige Beispiele liegen auf der Hand: Der private Konsum hat, zum Beispiel mit dem auffällig gesteigerten Markenbewusstsein, eine größere Bedeutung für die Selbststilisierung des Einzelnen und seinen Platz in der Gesellschaft gewonnen. Internet-Nutzer sind vergleichsweise jung - ein Beleg dafür, dass Alter und Generation in den sozialen Verteilungskämpfen eine größere Rolle spielen. Und jeder weiß, dass zwischen "alter Bundesrepublik" und "Ex-DDR" eine soziale und kulturelle Kluft liegt, die sich in den vergangenen Jahren eher vergrößert als geschlossen hat. Diese Stichworte sind jedem Zeitungsleser vertraut.

Trotzdem sind wir erstaunlich blind dafür, wie eng solche Phänomene mit dem Grundproblem der sozialen Schichtung, mit den Funktionsmechanismen der Klassengesellschaft, zusammenhängen. Aufmerksame Beobachter wissen spätestens seit Mitte der achtziger Jahre von der wachsenden Schere zwischen den Einkommen aus selbstständiger und aus unselbstständiger Arbeit. Sie wissen auch, dass Konsum und Lifestyle soziale Unterschiede nicht eingeebnet, sondern vergrößert haben. Aber in Politik und Öffentlichkeit hat all das kaum Resonanz gefunden: Es wäre zu peinlich zuzugeben, dass Klassenunterschiede auch im Übergang in das 21. Jahrhundert unsere Gesellschaft noch fundamental prägen - vom Schulbesuch bis zur Gesundheitsversorgung, vom Einkommen bis zur politischen Macht. Auch das liberale Feuilleton spricht lieber über die vermeintlich egalisierende "Individualisierung", über die Gesellschaft der "Optionen" und der "Risiken". Selten fällt dabei auf, dass die einen mehr Optionen haben, die anderen größere Risiken tragen.

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