Unsere KlassengesellschaftSeite 4/4

Ein Plädoyer für mehr Klassenbewusstsein - das mag sich antiquiert anhören, wie die Aufforderung zur Rückkehr in die Denkwelten der Arbeiterbewegung vor hundert Jahren. Es heißt aber nur, dass wir ein geschärftes Bewusstsein dafür brauchen, in einer Welt zu leben, die immer noch durch soziale Ungleichheit, durch Schichtung und Klassendifferenzen geprägt wird. Das weiter zu verdrängen kann angesichts der rasanten Veränderungen, wie wir sie zum Beispiel in der Informations- und Wissensökonomie erleben, und angesichts der demografischen Veränderungen, denen wir nicht ausweichen können, politisch gefährlich sein.

Mit Klassenkampf hat das gar nichts zu tun, wohl aber mit gesellschaftlicher Selbstaufklärung. Gewiss, der alte Anklagegestus, wie er noch vor einiger Zeit aus den Büchern Bernt Engelmanns über die "Reichen" der Bundesrepublik sprach, hat sich verbraucht und wird von niemandem vermisst. Sagen darf man freilich auch: Der "Sozialneid" ist in Deutschland zum Totschlagargument geworden wer überhaupt noch soziale Unterschiede anzusprechen wagt, bekommt reflexartig die "Du schürst den Sozialneid"-Bratpfanne auf den Kopf gehauen.

Umgekehrt muss man sich von der Illusion verabschieden, die Armut abschaffen, die Unterschicht zur bürgerlichen Mittelklasse machen oder soziale Ungleichheit überhaupt aufheben zu können - und sei es auch nur in der rührenden, typisch deutschen Schrumpfvision von der "Angleichung der Lebensverhältnisse". Auch hier kann "Klassen-Bewusstsein" zu jener Annäherung an die Wirklichkeit verhelfen, die effektive Sozial-, Struktur- oder Wirtschaftspolitik erst ermöglichen.

"Klassen-Bewusstsein" als Einsicht in die Realitäten der gesellschaftlichen Struktur und der sozialen Ungleichheit ist deshalb ein Projekt bürgerlicher Aufklärung. Der britische Historiker David Cannadine argumentiert in seiner Studie über Class in Britain ähnlich: "Klasse" ist kein kommunistisches Konzept, wie Margaret Thatcher glaubte es war vor Marx da und wird das Ende des Marxismus überleben. Seine Wurzeln reichen dorthin zurück, wo jetzt viele nach den Fundamenten der Zivilgesellschaft graben: in die schottische Aufklärung mit ihren großen Autoren wie Adam Smith, Adam Ferguson oder John Millar. Politische Zivilgesellschaft und kapitalistische Klassengesellschaft sind eng verwandt.

Von Bonn aus, dem rheinischen Treibhaus bürgerlichen Wohlergehens, konnte man einfache Einsichten über die Strukturen einer deutschen Klassengesellschaft leicht verdrängen. Über den Sozialschock der politischen Klasse bei ihrer Ankunft in Berlin im vergangenen Jahr, als sie Straßen und U-Bahnen plötzlich mit fremden Wesen aus einer anderen sozialen Welt teilen musste, ist in den Medien amüsiert berichtet worden. Vielleicht setzt die Ankunft im Alltag ja wirklich Bewusstseinsveränderungen in Gang. Die Politik der Berliner Republik könnte davon nur profitieren.

 
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