E R L E B N I S Ganze Tage in den Bäumen

Als Gastarbeiter aus Germania bei der Olivenernte am Lago di Bolsena. Jetzt im Winter, in der Hochsaison

Renato, eins geht noch rein!« Mario grinst von einem Ohr zum anderen und schiebt mir ein viertes salciccia auf den Teller. Die würzigen Schweinswürstchen vom Grill, Teil des opulenten Abendessens, sind Belohnung und Salär für den Erntehelfer aus Deutschland, den sie der Einfachheit halber Renato getauft haben.

Mario Bruti ist Olivenbauer am Lago di Bolse-na, rund 100 Kilometer nördlich von Rom. Um vier Uhr hat sein Wecker geläutet: erst Hof und Tiere versorgen, dann noch im Morgengrauen hoch zum Ölbaumhain in den Monti Enzo, der sanft gewellten Hügelkette über dem See. Ich darf länger schlafen. Mein Arbeitstag beginnt erst um acht. Noch schnell einen Espresso im Stehen und mit Teresa, Marios Frau, im Fiat Uno hinauf in die Berge.

Vorsichtig klettert Mario vom Baum herunter. Skeptisch beäugt er den Gastarbeiter aus Germania. Der will allen Ernstes bei der Olivenernte helfen? Die anderen Fremden - ob deutsche oder italienische Urlauber - schätzen die Oliven und das Olivenöl. Wo es herkommt und wie es produziert wird, ist ihnen egal.

Teresa zögert nicht. Sie drückt mir ein rastello in die Hand und zeigt mir, wie es geht: Mit der Rechten einen Ast am dicken Ende packen und die handspannengroße Harke aus Plastik mit der Linken von oben nach unten durch die Zweige ziehen. Die Oliven bleiben an den Zinken hängen und fallen zu Boden. Sieht einfach aus. Wie Haarekämmen.

Wild entschlossen greife ich den nächstbesten Zweig. Gleich beim ersten Streich bleibt mein rastello an einer Astgabel hängen. Ein Olivenbaum ist kein kupierter Apfelbaum aus Opas Schrebergarten. Die Zweige wachsen kreuz und quer. Mühsam schaffe ich Ordnung und entwirre das Gestrüpp. Teresa hat ihren Ast längst von den Oliven befreit, bevor bei mir die ersten Früchte nach unten plumpsen.

Rund eine Million Italiener bauen Oliven an. Die meisten im Nebenerwerb. Wie Mario. Er besitzt nur zweihundert Olivenbäume. Sein Geld verdient er mit Kartoffeln, Tomaten, Paprika. Und er hält ein paar Schweine und Hühner. Zwischen Ende Oktober und Weihnachten, manchmal bis weit in den Januar hinein, wie in diesem Jahr, werden die Oliven geerntet. Dann sind Mario und Teresa einen Tag im Hain, den nächsten auf den Gemüsefeldern. Helfer können sie sich nicht leisten. Nur ab und an springt ein Nachbar bei, wie heute Carlo Fausto, der pensionierte Finanzbeamte. Und Renato, der immer noch mit den widerspenstigen Zweigen kämpft. Mild streicht der Südwind über den Lago di Bolsena und treibt die Wolken vor sich her. Aber wenn es regnet, hagelt oder stürmt, kann die Ernte eine Strafe sein, erzählt Teresa.

Endlich hat Teresa ein Einsehen. Ich soll ihr beim Auflesen der Oliven helfen. Unter je drei Bäumen sind riesige Plastiknetze für die herabfallenden Früchte ausgelegt. Mario und Carlo haben schon den ersten Baum abgeerntet. Jetzt sind wir dran. Teresa lupft die linke obere Ecke, ich die rechte. Gemeinsam raffen wir das Netz vor unseren Bäuchen zusammen. Die Oliven gehorchen der Schwerkraft und kullern in eine Kule. Teresa schnappt sich den campanino, den rechteckigen Eimer, und schaufelt die Früchte hinein. Ich darf ihn dann hoch zur balla schleppen. In Kartoffelsäcken werden die Oliven gesammelt und später transportiert. Zur Probe hebe ich einen vollen Sack an. Gut vierzig Kilo dürfte er wiegen.

Um ein Uhr ist Mittagspause. Mir knurrt der Magen. Ein Espresso am Morgen hält nicht lange vor. Teresa zaubert aus den mitgebrachten Körben in Olivenöl eingelegte Bohnen, Stockfisch mit Gemüse aus eigenem Anbau, dazu selbst gemachten Schinken, Wurst mit Peperoni, frisches Brot. Beim Essen bin ich schneller als beim Olivenpflücken. Wir trinken selbst gekelterten Wein und zum Schluss einen Schluck caffè aus der Thermoskanne.

Marios ältester Baum ist mindestens zweihun-dert Jahre alt. So genau weiß es niemand. Die Olivenbäume, die wir gerade abernten, stehen seit 1910. Bereits seit über fünf Jahrtausenden ist der Anbau von Ölbäumen im Mittelmeerraum nachgewiesen. Ägypter, Phönizier, Griechen und Römer kannten ihn und schätzten sein Öl. Mehr als fünfzig verschiedene Sorten werden angepflanzt, die sich nach Größe, Form und Ölgehalt der Früchte unterscheiden. »Die kleinen olivella sind die besten«, weiß Mario aus Erfahrung. »Ist das eine grüne oder schwarze Sorte?« Mitleidig lächelt der Olivenbauer über meine Naivität: »Die Grünen sind unreife Oliven. Später werden die Früchte rötlich, dann schwarzviolett. Alles an einem Baum!« In Italien bevorzugt man die grünen Oliven. Deren klares Öl hat die geschätzte pizzica, den feinen, etwas scharfen Nachgeschmack.

Zum Essen gesellt sich Bernd Gasser. Il professore wird der frühere Lehrer aus Berlin am Lago di Bolsena genannt. Er vermittelt Unterkünfte am See, von der einfachen Frühstückspension über das Ferienhaus bis zum Schlosshotel. Mit Ausflügen und thematischen Reisen will er den Urlaubern die kulinarischen Besonderheiten der Region nahe bringen. Auch die Oliven. Bernd Gasser hat meinen Ernteeinsatz organisiert.

Der professore und Mario reden über den agri-turismo. Seit etlichen Jahren fördert der italienische Staat den »Urlaub auf dem Bauernhof«, um der Landbevölkerung eine zusätzliche Einnahmequelle zu verschaffen. Bernd Gasser will Mario überzeugen, noch weitere Ferienwohnungen auf seinem Hof zu bauen. Bislang vermietet der Olivenbauer nur ein einziges Appartement. Aber nur gelegentlich, nicht professionell. Mario ist vorsichtig. »Mit Oliven und Gemüse kenne ich mich aus. Aber ich weiß nicht, was mir der Tourismus bringen kann.« Vielleicht weitere Helfer für die Olivenernte.

Nach der Mittagspause werde ich befördert. Auf eine der fünf Meter hohen Leitern aus Holz. Anders ist an die Oliven in den weit ausladenden Kronen der Bäume nicht heranzukommen. Allzu viel Vertrauen in die Standfestigkeit habe ich nicht. Die Sprossengestelle lehnen nur am Astwerk. Ohne jede Sicherung. Mario rüttelt kurz an meiner Leiter. »Sie steht fest. Hinauf mit dir, Renato!« Jetzt sind meine akrobatischen Fähigkeiten gefragt: Die Füße zwischen den Sprossen verklemmt, mit der einen Hand einen dicken Ast umklammert, angele ich mit der anderen in luftiger Höhe nach den Oliven. Später liege ich bäuchlings auf der schrägen Leiter und greife durch die Sprossen zu den Zweigen. Oder sitze rückwärts auf einer Strebe und grabsche wie ein Äffchen freihändig nach den Früchten.

Mit der Zeit werde ich besser. Zu dritt schaf-fen wir einen Olivenbaum in knapp einer Stunde. Aber es geht auch schneller. Andere Bauern setzen mechanische Erntehilfen ein: Um den Stamm eines Olivenbaumes wird ein Stahlseil geschlungen und mit der Gelenkwelle des Traktors verbunden. Hoch und runter vibriert die Trosse und rüttelt den Baum durch. In null Komma nichts prasseln die Oliven auf die Netze. Was an Früchten an den Zweigen bleibt, wird mit langen Stangen abgeschlagen. Nicht gerade die schonendste Methode, denn auch frische Triebe fallen ab.

»Adesso basta! Facciamola finita!« Kurz nach vier spricht Mario die erlösenden Worte. »Jetzt reicht es! Machen wir Schluss!« Während Teresa und ich alle Netze zusammenklauben, buckeln die beiden Männer die zentnerschweren Säcke mit den Oliven zum Anhänger des Traktors. Über die Via Cassia, die alte Handelsstraße, die bereits zu etruskischen und römischen Zeiten Florenz mit Rom verband, zuckeln wir ins nahe gelegene Städtchen Bolsena zu Bruno Battaglini's Ölmühle.

Marios Oliven landen in riesigen Plastikkästen und werden genauestens gewogen. Jetzt geht's ums Geld. 22 000 Lire muss Mario den Battaglinis für die Verarbeitung zahlen. Rund 22 Mark für jeden Doppelzentner Oliven. Oder er verzichtet auf einen Teil des Öls, den dann die Ölmühle als Bezahlung behält. In einer guten Saison kann Mario zwischen 35 und 40 Doppelzentner von seinen Bäumen ernten. 100 Kilo Oliven ergeben 13 Liter Olivenöl. »Das meiste verkaufe ich an Nachbarn und Bekannte. Für 13 000 Lire je Liter.« Den Rest verbrauchen Mario und Teresa selbst.

Seit drei Generationen produziert die Familie Battaglini feinstes Olivenöl. Selbstbewusst zeigt Stefano, der Juniorchef, dem Erntehelfer aus Deutschland die zahlreichen diplome di qualità, und er führt mich durch den Betrieb. Nachdem der grobe Schmutz, die Blätter und Zweige aussortiert sind, werden die Oliven gewaschen und anschließend zu Fruchtbrei zerkleinert. Die feuchte Masse wandert in eine Zentrifuge, die das unterschiedliche spezifische Gewicht zwischen Fruchtfleisch, Fruchtwasser und dem Öl nutzt. Die superschnelle Rotation trennt die Bestandteile voneinander. Hohe Temperaturen können den Vorgang beschleunigen und effektiver machen. »Unsere Maschinen laufen aber nicht über 28 Grad«, versichert Stefano. Nur dann darf das Öl der ersten Pressung mit dem allerhöchsten Qualitätsprädikat ausgezeichnet werden: olio extra vergine. Mario lässt sich für das Abendessen noch einen Liter abfüllen. Das Öl aus meinen selbst gepflückten Oliven ist noch nicht dabei. Das kommt erst morgen in die Flaschen.

Was machen Männer nach der Arbeit? Sie gehen in die Kneipe. Mario lädt mich auf einen Campari in die Bar Nationale ein. Leiser Stolz schwingt in der Stimme mit, als er seinen Gastarbeiter aus Deutschland der Männerrunde an der Theke vorstellt. »Ha lavorato come un uomo di ferro.« Wie ein Mann aus Eisen hätte ich gearbeitet. Das Lob geht runter wie Öl.

Information

Anreise: Alitalia fliegt im Winter Frankfurt/M.-Rom-Frankfurt/M. von 668 DM an, weiter mit dem Zug nach Orvieto und dann per Bus zum Lago di Bolsena

Veranstalter: Die Agenzia Ombrellone (Scharfenberger Str. 2, 13505 Berlin, Tel. 030/43 67 14 17, Fax 43 67 14 19, Internet: www.bolsena.de) veranstaltet Reisen und Ausflüge zum Thema Oliven und vermittelt Hotels und Ferienwohnungen am Lago di Bolsena

Literatur: Kenntnisreich und unterhaltsam erzählt Mort Rosenblum in dem Buch »Oliven« (Piper Verlag, München 2000; 336 S., 26,90 DM) über die Kulturgeschichte der Frucht, die rings ums Mittelmeer angebaut wird. Direkt zum Lago di Bolsena: Gerd Hofmann: »Bolsena«; dipa-Verlag, Frankfurt/Main 2000; 194 S., 29,80 DM. Die Bücher »Umbrien« und »Rom - Latium«; Michael Müller Verlag, Erlangen 2000 und 2001; 224 bzw. 620 S., 24,80 bzw. 39,80 DM, enthalten jeweils ein längeres Kapitel über den See

Internet:www.museodellolivo.com des privaten Olivenmuseums in Imperia zeigt virtuell die Olivenproduktion in Vergangenheit und Gegenwart

Auskunft: Staatliches Italienisches Verkehrsamt ENIT, Kaiserstr. 65, 60329 Frankfurt/Main, Tel. 0190/70 64 40, Fax 069/23 28 94. Ufficio Informazione Turistici, Piazza Matteotti 25, I-01023 Bolsena, Tel./Fax 0039-0761/79 99 23

Für Kinder: Kids würden lieber im Lago di Bolsena baden als bei der Ernte helfen

 
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