Absturz Ost
Kippt die Wirtschaft in den neuen Ländern? Bundestagspräsident Wolfgang Thierse warnt zu Recht
Ausgerechnet Wolfgang Thierse. Ausgerechnet der besonnene Bundestagspräsident und stellvertretende SPD-Vorsitzende warnt vor dem Entstehen eines ostdeutschen Mezzogiorno, vom Westen abgekoppelt, zur Zweitklassigkeit verdammt. Thierse ist alles andere als ein Jammer-Ossi. Kein Wunder also, dass die Aufregung groß ist, unter Politikern wie Ökonomen. "Maßlose Übertreibung", schimpft Sachsens CDU-Wirtschaftsminister Kajo Schommer.
Staatsminister Rolf Schwanitz, im Kanzleramt für die neuen Bundesländer zuständig, widerspricht seinem Parteifreund Thierse: "Ich halte den Befund für falsch." Genau wie der Magdeburger Wirtschaftsprofessor Karl-Heinz Paqué.
Der sagt, der Osten sei "sehr weit vorangekommen".
Es ist nicht allein der erste Satz aus Thierses Fünf-Thesen-Papier (ZEIT Nr.
2/01), der für Wirbel sorgt: "Eine ehrliche Bestandsaufnahme muss feststellen, dass die wirtschaftliche und soziale Lage in Ostdeutschland auf der Kippe steht." Denn ähnlich drastisch geht es weiter im Text: "Je länger der Aufholprozess stagniert, desto deutlicher werden sich Abwärtstrends beschleunigen und auch das Erreichte, die teilweise teuer bezahlte Substanz gefährden." Da ist es in der Tat nicht mehr weit zu Thierses Folgerung: "Angesichts des erfolgreichen Westens erscheint der Osten als abgehängt.
Ostdeutschland ist aus dieser Sicht kein Land des Übergangs mehr, sondern auf Dauer zweitrangig gestellt."
Eine gefährliche Übertreibung? Oder traurige Wahrheit? "Thierse gibt die Realität wieder", beteuert Klaus-Michael Rothe, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Schwerin. "Die Ostdeutschen haben eine hohe Leidensfähigkeit bewiesen. Aber das wird von Jahr zu Jahr schwieriger."
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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