Angst in Zeiten der Globalisierung

Der Münchner Soziologe Ulrich Beck ist das beste Beispiel dafür, dass ein Wissenschaftler sich nicht im hermetischen Jargon von der Öffentlichkeit abschotten muss. Wofür die Parteien ganze Trupps von Ideenlieferanten beschäftigen, Beck schafft es im Alleingang: Begriffe zu prägen. Jetzt gibt es eine Gelegenheit, ihm dabei gewissermaßen über die Schulter zu schauen. In einem Gespräch mit dem kongenialen Partner Johannes Willms entfaltet Beck eloquent und bildhaft die Topoi seines Denkens.

Im Aufsaugen von Ideen, die auf den Markt gelangen, ist Ulrich Beck unerreicht. Vor zwei Jahren warb die Zeitschrift Kalaschnikow aus Berlin mit dem Slogan "Freiheit oder Kapitalismus". Nun propagiert Beck diese Antithese.

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Von dogmatischer Kritik am Kapitalismus ist er allerdings weit entfernt, man spürt die Lust am Debattieren auf jeder Seite. Immer geht es ihm um aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft: Gesellschaft neu denken lautet der Untertitel des Buches. Das Zentrum des Gesprächs bildet das Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus sowie die Entwicklung der Arbeitsgesellschaft zur Risikogesellschaft.

Weil die kollektiven Sicherungssysteme abgebaut werden, schwinden die Spielräume der Individualisierung. Beck spricht nun von einer Atomisierung der Individuen. Die zunehmende Unsicherheit der Existenz erzeuge Angst bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. So werde der politischen Freiheit die Basis entzogen. Der optimistische Theoretiker der Kinder der Freiheit ist skeptischer geworden. Für die reichen Gesellschaften schlägt er eine Grundsicherung vor, die über die Sozialhilfe hinausgehen soll.

Gleichzeitig konstatiert Beck, die Integration in die Arbeitsgesellschaft bedeute für die Individuen ein "Netz der Ausbeutung, der Systemfunktionalität". Wie soll dann aber die Zustimmung der in der Arbeitsgesellschaft Verbliebenen zu einer Grundsicherung zustande kommen, die von der Erwerbsarbeit unabhängig machen und, so Beck, "vielfältige Aktivitäten ermöglichen" würde?

Gelegentlich gibt sich Beck statt mit einer umfassenden Erklärung mit einem plakativen Slogan zufrieden. So nennt er die Südostasienkrise ein "ökonomisches Tschernobyl". Mit diesem Bild ist sicher die "organisierte Unverantwortlichkeit" der globalen Finanzmärkte beschrieben, die er auch an anderer Stelle geißelt. Aber nur zu konstatieren, die Regierungen verlören ihren Einfluss auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt, ist zu wenig. Beck wünscht sich eine weltumspannende Ordnungsmacht, welche die transnationalen Konzerne in ihre Schranken weist, aber zuvörderst müsste doch wohl benannt werden, warum der Nationalstaat die Herrschaft über die allgemeinen Produktionsbedingungen verloren hat und wo - angesichts der Konkurrenz der großen Mächte - eine politische Weltpotenz entstehen könnte.

Kein Soziologe wirft so viele Fragen zur zeitgenössischen Gesellschaft so anregend auf wie Beck. Deshalb ist dieses Buch uneingeschränkt zu empfehlen.

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