Anlegerkultur
Aktienkultur, Aktienkultur - wer will das noch hören? In diesen Zeiten, in denen von der Börse nur schlechte Nachrichten kommen und das eigene Depot (um nicht zu sagen: das eigene Ego) fast täglich kleiner wird? Diejenigen, die immer schon gewusst haben, dass Spekulation sich nicht auszahlt, triumphieren. Endlich kriegen die Zocker richtig was auf die Finger! Recht so! Das ist die Strafe für ihre Gier! In milderer Variante kommt der Triumph auch als spöttischer Trost daher. "Zehn Prozent Minus", heißt es dann, "das tut nur beim ersten Mal weh, danach werden die zehn Prozent immer weniger!"
Das zarte Pflänzchen Aktienkultur - geht es jetzt wieder ein, wenn die Kulturpessimisten auf ihm herumtrampeln, wenn ihm der Dünger ausgeht, wenn nicht mehr gilt: "Und ewig steigen die Kurse"?
Die Zahlen sind schon ernüchternd. Im vergangenen Jahr hat selbst das piefige Sparbuch die Aktie geschlagen, von Staatsanleihen ganz zu schweigen. Das Sparbuch! Aber magere 2 Prozent Zinsen sind eben immer noch mehr wert als ein Minuszeichen vor der Performance (die "Wachstumswerte" am Neuen Markt schrumpften ja sogar um rekordverdächtige 40 Prozent). Und wenn das neue Jahr so weitergeht, wie es angefangen hat, dürften die Hüter der Sparbuchkultur, die Ewiggestrigen und Sicherheitsfanatiker weiter Oberwasser bekommen. Schon meldet das Deutsche Aktieninstitut, nach Jahren ständiger Zunahme sei die Zahl der Aktionäre hierzulande erstmals wieder zurückgegangen. Allerdings, die Trendumkehr erscheint nicht dramatisch: Gab es Mitte vergangenen Jahres 6,23 Millionen Aktionäre, so waren es am Jahresende noch 6,19 Millionen. Ein Jahr zuvor hantierten wohlgemerkt erst 5 Millionen Deutsche mit Dividendenpapieren.
Vor allem aber spricht eine Entwicklung gegen eine völlige Abkehr von den Risikopapieren: Die Zahl der Anleger, die in Aktienfonds einsteigen, wächst rasant weiter. Gegenüber 1999 mit 4,74 Millionen solcher "indirekten" Aktienbesitzer liegen wir heute knapp beim Doppelten (8,8 Millionen).
Offensichtlich denken viele Sparer jetzt einfach etwas langfristiger und wollen ihr Risiko breiter streuen - beides entspricht einer Anlage in Fonds.
Was heißt das für die Aktienkultur? Sie wird nicht untergehen. Im günstigsten Falle mausert sie sich zu einer Anlegerkultur, in der die Aktie, Anleihen, Fonds und selbst das Sparbuch ihren Platz haben und der mündige Anleger sich aussucht, was für ihn und seine Situation das Passende ist.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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