"Auf beiden Seiten war Hass"

Joschka Fischers Freunde und Weggefährten über die Stimmung im Frankfurt der siebziger Jahre, wo der damalige Sponti auch als Prügler auffiel

Jeder wollte radikaler sein

Ich gehörte in den Siebzigern zur Frankfurter Neuen Linken, aber nicht, wie Joschka Fischer, zur dominierenden Sponti-Szene, die sich gerne selbst als linksradikal und militant einstufte. Ich kenne Fischer aus dem Antiquariat im Karl-Marx-Buchladen, wo er arbeitete. Er war kein angenehmer Mensch, sehr machtorientiert und rhetorisch versiert. Seine Gruppe nannte sich Revolutionärer Kampf. In den Wohnungen der Sponti-Szene war der Leitspruch zu lesen: Immer radikal, niemals konsequent. Von der RAF unterschied man sich vor allem durch die Weigerung, konsequent zu sein.

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Ich studierte Politikwissenschaft, schrieb in der Zeitschrift links und wollte in der Erwachsenenbildung oder an der Hochschule politisch aktiv sein.

Man muss die Hintergründe kennen, um die Stimmung der Zeit zu verstehen.

Berufsverbote, eine Beton-SPD in Frankfurt, die bedenkenlos die Wohnbevölkerung vertreiben ließ, um neue Bankhochhäuser zu bauen. Dem berüchtigten Polizeipräsidenten Müller gingen die Prügelbefehle allzu locker von den Lippen. Für viele Studenten war es selbstverständlich, ja schick, politisch links und aktiv zu sein. Jeder wollte radikaler sein.

Natürlich ging ich auch zu den Demonstrationen. Die besetzten Häuser möglichst lange zu verteidigen wurde Maßstab des politischen Erfolgs.

Demonstranten mit Motorradhelmen zeigten ihre Entschlossenheit, sich mit der Polizei zu prügeln. Die Polizei schlug ja auch hart zu, besonders während des Häuserkampfs von 1971 bis 1974. Im Frankfurter Westend waren zeitweilig mehr als 40 Häuser besetzt, und wenn die Polizei zu räumen versuchte, verteidigten sich die Besetzer. Sie fanden Sympathie in der Bevölkerung.

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