Aufstand der Ahnungslosen
Nach dem Kurssturz am Neuen Markt wollen Anleger ihr Geld zurück. Sie haben schlechte Karten
Morgens um neun stürmten die Gierigen das kleine Büro. Dabei hatte der Inhaber nur zwei Dinge getan: ein Unternehmen mit ungewöhnlichem Namen gegründet - und vielversprechende Werbung gemacht. Der Name der Firma war Gesellschaft zur Durchführung eines überaus nützlichen Unternehmens, das aber noch niemand kennt. Ihre Werbung versprach neuen Aktionären einen Wertzuwachs von 100 Prozent - und das jährlich. Zwar verschwieg die Gesellschaft, woher die sagenhafte Rendite kommen sollte. Aber man versicherte, die Details später noch mitzuteilen. Am Nachmittag hatte der clevere Firmenchef bereits 1000 Aktien verkauft - dann verschwand er auf Nimmerwiedersehen.
Das war vor 300 Jahren. Heute fragen sich Aktionäre wieder, wem sie im Börsenboom des vergangenen Frühjahrs ihr Geld anvertraut haben. Wessen Prognosen sie glaubten. Und vor allem, von wem sie sich ihren Einsatz zurückholen können, nachdem ihre Aktien so stark an Wert verloren haben.
Es sind die einstigen Börsenlieblinge des Neuen Marktes - Unternehmen wie EM-TV oder Intershop - die ihre Aktionäre gegen sich aufgebracht haben. Der Vorwurf: Viel zu lange hätten die Vorstände die Geschäftslage schöngeredet und damit neue Anleger gelockt. Als die tatsächlichen Zahlen ans Licht kamen, stürzten die Aktien ab - allein EM-TV um mehr als 90 Prozent - und die Träume der Kleinanleger zerstoben. Gegen die Exvorstände von Infomatec ermittelt sogar der Staatsanwalt. Schon heißt es, auf die Unternehmen des Neuen Marktes könnte eine ganze Welle von Schadenersatzklagen verbitterter Aktionäre zurollen. Doch die Enttäuschten werden wohl nochmals enttäuscht: Die wenigsten dürften erfolgreich sein.
Rechtsanwälte scharen enttäuschte Anleger um sich
Zum Beispiel im Fall EM-TV. Der Konzern des Münchener Medienmachers Thomas Haffa war an der Börse einst höher bewertet als die Lufthansa - heute ist er allenfalls ein Hänschen. Jetzt scharen Anwälte enttäuschte Anleger um sich.
Noch im Oktober, so der Vorwurf, habe Haffa bekräftigt, dass sein Unternehmen am Jahresende wie geplant einen Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 560 Millionen Mark einfahren werde. Sechs Wochen später war nur noch von einem Zehntel die Rede. Und: EM-TV war schon in der Vergangenheit durch einen eigenwilligen Umgang mit Zahlen aufgefallen. So verlieh die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz dem Unternehmen 1999 wegen dürftiger Quartalsberichte die "Goldene Zitrone".
Dass sich Haffa und Co. möglicherweise des Kursbetrugs durch geschönte Prognosen strafbar gemacht haben, nützt den geschädigten Anlegern aber nicht viel. Das sagt selbst Rechtsanwalt Andreas Tilp aus Kirchentellinsfurt bei Tübingen. Seine Kanzlei vertritt mehr als 200 geschädigte EM-TV-Aktionäre.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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