Clausewitz, Kosovo und postmoderner Krieg
Uran-Munition und die tiefere Wahrheit: Demokratien wollen den absolut schadenfreien Militäreinsatz
Im Kosovo-Krieg, berichtet der New Yorker, saß ein Militäranwalt vor dem Computer, "um das Bombenziel unter dem Aspekt der Genfer Konvention zu analysieren". War es ein gerechtfertigter Angriff, ein militärisches oder rein ziviles Ziel?
So war es noch in keinem Krieg, so wird es aber in jedem weiteren "Gewissenskrieg" à la Kosovo sein - auch wenn die medienwirksame Inszenierung namens "Uranverseuchung" vergessen sein wird. Denn jenseits des Wahrheitsgehaltes zeigt sich nun das "Balkan-Syndrom" in seiner ganzen Größe: Der Krieg muss absolut opferlos sein - auf unserer wie auf der anderen Seite, in bello wie auch post bellum.
Konkret: Neben dem Militäranwalt werden künftig Ärzte, Umweltexperten und Sammelklagen-Advokaten sitzen. Welche Munition darf verwendet, welche Langzeiteffekte müssen ausgeschlossen, welche Ansprüche abgewehrt werden?
Fazit: Der nächste Kosovo-Krieg wird so gut wie unmöglich.
Denn inzwischen geht es nicht nur um die eigenen Opfer, um das "Zinksarg-Syndrom". Dieses hat nämlich das nächste, das "Abscheu-Syndrom" erzeugt. Weil wir die eigenen Leute nicht riskieren wollten, haben wir Bomber statt Bodentruppen eingesetzt. Weil wir aber auch um die Piloten fürchteten, haben wir am Golf, auf dem Balkan Ziele angegriffen, die nicht zurückschießen konnten: die zivile Infrastruktur wie Brücken und Kraftwerke. Und so wurden aus den Sloboisten und Saddamisten von gestern die geschundenen Serben und Iraker von heute, dank CNN und Co. Verblasst waren plötzlich die Ursachen des Krieges, ob "ethnische Säuberung" oder kuwaitischer Staatenmord, verdreht auch die Rolle von Opfern und Aggressoren.
Und nun der dritte Akt im Drama des postmodernen Krieges, das kein Clausewitz je verstehen könnte. Dass sich die Medien und interessierte Parteien so schnell auf das "Uran-Syndrom" geeinigt haben, zeugt zwar nicht von Recherchierlust, aber von einer tieferen Wahrheit: Wir wollen den absolut schadenfreien Krieg, auch und gerade auf der anderen Seite. Die Militärs und ihre zivilen Chefs mögen sich ärgern, aber sie müssen umdenken: Entweder nie wieder "Kosovo" oder nur noch Krieg mit "nichtletalen" Mitteln, die weder Mensch noch Umwelt behelligen.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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