Das Gen aus der Steinzeit
Erbmaterial aus fossilen Menschenknochen sorgt für Verwirrung
Ziemlich eilig hatten es die Herausgeber des ehrwürdigen Fachblatts PNAS (Proceedings of the National Academy of Science of the USA), die Neuigkeit zu verkünden. Australischen Forschern sei es gelungen, Erbmaterial aus versteinerten menschlichen Knochen zu isolieren, verkündete PNAS jetzt im Internet - Wochen bevor die gedruckte Fassung der Befunde erscheinen soll.
Das Wesen vom fernen Kontinent, nach Meinung aller Fachleute zweifellos ein Mensch, lebte bereits vor 62 000 Jahren. "Überraschend und höchst außergewöhnlich" nennt der Paläoanthropologe Chris Stringer die Leistung des australischen Teams von James Peacock und Alan Thorne - "wenn sie denn stimmt", fügt der Brite vom Londoner Natural History Museum skeptisch hinzu.
Nur wenige Versuche, Reste der Mitochondrien-DNA aus fossilen Skelettresten zu gewinnen, sind bislang geglückt. 1997 hatten Svante Pääbo und seine Mitarbeiter als Erste solche Erbmoleküle aus einem Neandertalerknochen isoliert. Inzwischen sind fossile Gensequenzen von zwei weiteren Neandertalern (42 000 und 29 000 Jahre) und auch drei anatomisch modernen Menschen entschlüsselt worden - diese sind jedoch höchstens 14 000 Jahre alt.
Mehr noch als die geglückte Gensuche in dem 62 000 Jahre alten Menschenskelett erstaunt die Fachleute jedoch das Ergebnis der Entzifferung: Der Vergleich mit dem Mitochondrienerbgut heutiger Menschen und den drei bekannten Neandertalergenen stellt den frühen Australier zwischen beide Gruppen. "Das könnte bedeuten, dass die Geschichte der Ausbreitung des modernen Menschen aus Afrika tatsächlich komplizierter ist, als wir gedacht haben", seufzt Stringer. "Wir verstehen noch längst nicht alles."
Die australischen Wissenschaftler hatten auch von weiteren, erheblich jüngeren heimischen Knochenfunden Erbgut isoliert. Deren Gene unterscheiden sich indessen von denen heutiger Menschen nicht wesentlich. Einzig die Gendaten aus zwei Funden, unter ihnen das älteste Skelett, nach dem Fundort auf "Lake Mungo 3" getauft, liegen weit außerhalb der heutigen menschlichen Variationsbreite. Thorne, ein unversöhnlicher Gegner der so genannten Out-of-Africa-Theorie, nach der alle heutigen Menschen von einer kleinen Gruppe abstammen, die vor vielleicht erst 50 000 Jahren in Afrika lebte, wertet den Befund als Argument für eine multiregionale Evolution des Menschen. Die These, zu deren entschiedensten Verfechtern neben Thorne der US-Anthropologe Milford Wolpoff zählt, postuliert eine parallele Evolution des modernen Menschen aus dem Homo erectus in Afrika, Europa und Asien über verschiedene Zwischenformen, wie den Neandertaler. Wolpoff will die multiregionale Theorie nun mit neuen Untersuchungen stützen, die das Fachblatt Science demnächst veröffentlicht.
Die Suche nach alten Genen ist notorisch fehleranfällig
Davon wollen die Out-of-Africa-Vertreter indessen nichts wissen. Die neuen Befunde können verschiedene Erklärungen haben, sagt Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. "Das könnte bedeuten, dass Menschen früher genetisch variabler waren als heute, weil inzwischen viele Erblinien verloren gegangen sind. Es könnte eine Selektion gegeben haben, die zu der viel homogeneren Genverteilung geführt hat."
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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