Das Leben als Anekdote
Philippe Sollers erzählt von dem Pariser Kunsträuber und Libertin Vivant Denon
In Frankreich steht der Name Philippe Sollers für eine Art Label. In höchst unterschiedlichen Kostümen animiert Sollers seit 40 Jahren die Pariser Esprit-Bühne. Da es sich jedoch zunehmend um bloß lokale Turbulenzen handelt, muss man ihn anderswo erst vorstellen - was nicht ganz einfach ist: Sollers' Karriere begann Anfang der sechziger Jahre als Mitglied der strukturalistischen Denkguerilla namens Tel Quel, die sich dann in einem Akt kollektiver Dissidenz zunächst poststrukturalistisch überbot, zwischendurch neomarxistisch auftankte, um alsbald als Bollwerk wider jeden Totalitarismus lärmend in Erscheinung zu treten. Etliche andere Kirchenbesuche Sollers' sind dokumentiert. Er pflegte seine diversen Läuterungen nicht in aller Heimlichkeit zu vollziehen. Von der Tiefe des jeweils neuen Glaubens künden die knappen Verweilzeiten. Ebenso wenig blieb seine spektakuläre Ehe mit der feministischen Philosophin Julia Kristeva Privatsache. Autobiografische Texte und Schlüsselromane beider Parteien setzten die neugierige Menschheit ins Bild - und kürzlich auch den Papst, dem Sollers anlässlich einer Privataudienz seine Autobiografie übereichte.
Heute steht Sollers an der Schwelle zum Pensionsalter, und mit Sicherheit ahnt er, dass von seinem irdischen Walten wenig bleibt. Insofern war die Postmoderne konsequent: Mit lakonischem Gleichmut frisst sie die Namen ihrer Herolde. Es wird also Zeit, hinter die Permanenz seines Namens eine Existenz von Rang zu projizieren. Wie er gesehen zu werden wünscht, das erläutert er an einer historischen Figur, die er sich zum Vorgänger gewählt hat: Vivant Denon. Denon wurde 1747 als Abkömmling bescheidenen Provinzadels geboren und durchlief eine Karriere ganz nach Sollers' Geschmack: Kupferstecher, Kunstsammler, Diplomat, Frauenheld, legendärer Causeur und Schriftsteller mit immerhin einem ewigkeitstauglichen Text, der kurzen Erzählung Nur eine Nacht (1777). Vivant Denon stirbt 1825, und man darf sagen: Er war immer dabei. Er verkehrt am Hof Ludwigs XV. , wird in diplomatischer Mission nach Petersburg geschickt, lernt Katharina die Große kennen, Diderot, Voltaire, schuftet als Preziosenverwalter der Pompadour, schlängelte sich durch die Jahre der Revolution, des terreur, des directoire und begleitet Napoleon auf seinen Feldzügen nach Ägypten, entdeckt die Schätze der Pyramiden und erlangt unsterblichen Ruhm dadurch, dass er sie vor ihren Besitzern nach Paris in Sicherheit brachte. In gewisser Weise erfindet er den Louvre und füllt die unermessliche Lagerhalle des Wahren, Guten und Schönen mit den Reichtümern Arabiens. Seine wunderbare Kunstsammlung voller Watteaus und Fragonards verschafft ihm auch während der düsteren Jahre der Restauration ein wenig Glanz. So konnte er 1825 seine listigen Augen ohne erkennbare Reue schließen.
Man sollte sich allerdings gründlich über dieses gar nicht so unsympathische Flexibilisierungsgenie informieren, bevor man Sollers' Buch über den Kavalier im Louvre liest. Denn Sollers berichtet nichts Neues, er unterdrückt sogar zahlreiche Informationen über seinen Helden.
"Ich suchte die Moral dieses ganzen Abenteuers und ... fand keine", heißt es in Denons Erzählung Nur eine Nacht, die im Grunde die Ästhetik des One-Night-Stands gegen die gerade erfundene Moral der ehelichen Dauerliebe stellt. Mit diesem Satz enden auch beziehungsvoll Sollers' Ausführungen über Denon. Uns dämmert, dass sein Buch davon handelt, dass Denons Leben nicht nur keine Moral hinterlässt, sondern auch nie im Zeichen einer Moral gelebt wurde. Und da der autobiografische Roman von Philippe Sollers Porträt des Spielers heißt, dürfen wir in der Denon-Studie getrost ein vertieftes Selbstporträt des Spielers vermuten, sozusagen am historischen Präzedenzfall.
Im 20. Jahrhundert hat man pausenlos Gott und die Moral beerdigt. Alles in allem hat das den diversen Frömmigkeiten nicht allzu sehr geschadet. Der Slogan "Jenseits von Gut und Böse" hat jenseits der professoralen Fußgängerzonen wenig Aufsehen erregt. Rein lebenspraktisch funktioniert er einfach nicht, weder bei Nietzsche noch bei Sollers, noch bei Denon. Man sieht das geradezu überdeutlich, wenn Sollers versucht, Denon zum Kronzeugen eines moralfreien Spielertums zurechtzuplaudern.
Die Denkordnung des Spielers ist das Plaudern - so muss man jedenfalls Sollers verstehen, der ein metaphysisches System aus reinen Kalendersprüchen errichtet: "In einer französischen Weingegegend geboren zu werden, ist eine Geschichte für sich: eine grundlegende Erfahrung, die kräftigt, das Innenleben fördert, mit Nüchternheit ausstattet. Hier streift die Vernunft umher und eine gewisse Wahrheit, die über den Dingen steht." Nicht zuletzt ein dezenter Hinweis auf die Geistesverwandtschaft des Autors mit seinem Helden: Sollers wurde 1936 mitten im Bordeaux-Gebiet geboren. Man tut allerdings Denon Unrecht, denn mit Sollers' prinzipiellem Spaziergängertum hat er wenig gemein, weder als Autor noch als Moralist seines Lebenslaufs.
Dreihundert Seiten lang, auf denen die Vernunft der Weingegend entfesselt umherstreift, erfindet Sollers einen Kavalier mit der Maske: eine beachtliche Serie historischer Härtefälle habe Denon nie tangiert, den Spieler, verborgen hinter seiner Maske. Ein Phantom - zumindest in Sollers' Operette, die natürlich nur deshalb so heiter moraljenseitig trällern kann, weil Sollers jede konkrete historische Annäherung aus seinem Buch über Denon herauskatapultiert. Es trifft sich gut, dass man über die besonderen Umstände von Denons Leben wenig weiß. Mit Sicherheit hat Sollers alles vermieden, um Genaueres in Erfahrung zu bringen. Ein eher anekdotisch belegtes Leben genügt ihm, um daraus das Märchen vom Leben als planvolle Anekdote zu machen. Es muss dieser enorme Moralfortschritt sein, der den französischen Botschafter bewogen hat, die Übersetzung dieses Buches aus der Diplomatenschatulle zu fördern.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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