Das Letzte
Väter und Söhne, ein gewaltiges Thema, so recht geeignet für diese gewaltige Spalte, wo die letzten Dinge in finaler Form behandelt zu werden pflegen. "Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen", schrieb bekanntlich Iwan Turgenjew in seinem Roman Als ich noch ein Waldbauernbub war, und Joseph Roth verriet in seinem Enthüllungsbuch Tripper und sein Vater das Geheimnis jeglicher Adoleszenz: "Was du ererbt von deinen Vätern, verdirb es, um es zu besitzen." Das haben sich die Achtundsechziger nicht zweimal sagen lassen, aber jetzt, da sie selber Väter geworden sind, kommen schon wieder neue Söhne und fragen: "Wo warst du, Adam?"
Joschka Fischer hat in seinem stern-Interview einen kleinen, aber tapferen Anfang gemacht, und es ist sonnenklar, dass wir alle ihm folgen müssen. In der Tat, so werden wir, wenn man uns fragt, bekennen: Wir haben damals nichts gegen getrennte Parkbänke an der Startbahn West und nichts gegen die Deportation unserer Mitbürger nach Brokdorf unternommen, wir haben davon nichts gewusst, aber heute sehen wir, dass wir nicht anders waren als unsere Väter, allein schon deshalb nicht anders sein konnten, weil Väter und Söhne letztlich dasselbe sind, weil in allzu kurzer Zeit aus Söhnen Vätern werden und Väter immer schon Söhne waren, sodass sich a lso die Taten oder Untaten der Väter und die der Söhne irgendwann ununterscheidbar vermischen und somit alles und alle in einen Schuldzusammenhang geraten, von dem schon Goethe im Kommunistischen Manifest gesagt hat: Nur der Betrachtende bleibe rein, der Handelnde aber müsse schuldig werden.
Jetzt, da die Ereignisse von 1968 und 1933 zur Geschichtsmasse des zurückliegenden Jahrtausends zählen und im Rückblick als gleichsam naturwüchsige Aufstände der jeweiligen Söhne gegen die jeweiligen Väter erscheinen, können wir ebenso reumütig wie unbefangen aus dem Nähkästchen unserer Jugend plaudern. Wir lagen vor Madagaskar ... Es war eine schlimme Zeit. Es war eine schöne Zeit.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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