Das Uran-Syndrom

Die Politik reagiert lau, die Medien schüren Angst. Und Fakten spielen keine Rolle

Krisenmanagement ist keine Spezialität dieser Bundesregierung. Da sterben Nato-Soldaten an Leukämie, da ist von radioaktiver Munition die Rede - doch aus Berlin ist erst gar kein Kommentar, dann nur ein lapidarer, dann ein Hinweis auf die regelmäßige Unterrichtung des Verteidigungsausschusses zu hören. Ansonsten darf der verunsicherte Bürger ein paar offizielle Dokumente unter www.bundeswehr.de anklicken. Die Menschen haben Angst, auch die Soldaten, aber Rudolf Scharping muss sich schon sehr zwingen, im Radiointerview das Wort "leider" herauszuquetschen. Wen wundert es, dass da Misstrauen entsteht? Zumal die Erfahrungen mit der Transparenz in Militärdingen nicht eben vertrauensbildend sind. Gab es nicht die jahrelang vertuschten Schäden durch chemische Kampfstoffe der US-Truppen in Vietnam?

Die Politik sendete nur spärliche Signale in diesen Tagen. Dafür geriet die "vierte Gewalt" außer Rand und Band. Die Wettbewerber am Medienmarkt überboten einander. "UNO: Nato vergiftet Kosovo" titelte die taz am vergangenen Wochenende. Doch was hatten die Experten der UN-Umweltorganisation Unep soeben im Kosovo tatsächlich entdeckt? "Leicht erhöhte Radioaktivität" an einigen Einschlaglöchern

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ansonsten habe man "keine größeren kontaminierten Flächen gefunden" (Unep-Presseerklärung).

Gleichwohl, selbst die Süddeutsche Zeitung geißelte einen Verstoß gegen die Genfer Konventionen ("grausame Waffen").

Zu den Erkenntnissen der Massenpsychologie gehört, dass im Falle kollektiver Hysterie alles für möglich gehalten wird - von allen. Sogar im Deutschlandfunk war zwischendurch von "Plutoniumgeschossen" die Rede, und wer sich die Mühe machte, die Regionalzeitungen zu durchstöbern, entdeckte die abenteuerlichsten Vermutungen, zum Beispiel diese: Heimlich habe die Nato im Kosovo neuartige Verseuchungswaffen getestet (in Wahrheit wird die Munition seit beinahe 30 Jahren verschossen). Jeder wollte, jeder musste ausgefallene Ware bieten. Die Welt enthüllte, dass auch in Deutschland mit Uran herumgeballert werde - als wenn das etwas Neues wäre. Seit 1978 sind US-Flugzeuge vom Typ A-10 auf Truppenübungsplätzen im Einsatz, und dass die Bordkanone auch urangehärtete Munition ausspuckt, war nie ein Geheimnis.

Grundregel: Die Geschichte nicht "kaputtrecherchieren"

Es gilt die Kosten-Nutzen-Relation. Recherche kostet Zeit - aber es kommt im Journalismus auch darauf an, wer "Erster!" rufen kann

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