Der geraubte Schatten

Ich habe eine Täter-Akte: Gedanken und Erinnerungen eines bespitzelten Spitzels

Was macht man, wenn man im Glashaus sitzt? Man nimmt einen Stein und wirft ihn gegen die Wand. Durch das so entstandene Loch fällt es leichter, sich verständlich zu machen. Wenn man die Geschichte erzählen will, deretwegen man im Glashaus sitzt. Worüber man nicht schweigen kann, darüber muss man reden. Warum ich über meine Geschichte nicht schweigen kann, davon später. Zuerst die Geschichte. Sie beginnt im Frühjahr 1984, am Ende meines Studiums in der Sowjetunion, in der weltvergessenen Millionenstadt Woronesch.

Ich bin 23. Fünf Jahre im Lande Lenins liegen hinter mir, fünf Jahre Trennungsglück außerhalb der kleinen, stickigen DDR-Heimat, Stunden russischen Jammers und russischer Verzauberung im Rücken, um Erfahrungen mit Brotrationierung, Minusgraden im Wohnheimzimmer, mit rücksichtsloser russischer Gastfreundschaft, mit Freundschaft überhaupt reicher, auch ein paar Kenntnisse in Physik, Mathematik, Quantenchemie und Computerprogrammierung wohl habend, aus den Steppen des Kaukasus, von den Prospekten Moskaus und L eningrads zurückgekehrt, das Kernkraftwerk und die Kautschukindustrie am anderen Ufer des hinter der Stadt gestauten Flusses vor den Augen, für ein paar Wochen noch, dann weg von hier, fort aus diesem urvertrauten, fremd gebliebenen Woronesch, zurück in die kleine, stickige Heimat.

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In der Sowjetunion der Westspionage beschuldigt

Diese fünf Jahre Sowjetunion, das war keineswegs nur dürftige Lebenszeit im Lande Lenins und mit seinen Leuten, das war - für mich - zuerst und zuletzt das Heimischwerden in einem überschaubaren, aber aufregenden Melting Pot.

Denn die an der Staatlichen Universität Studierenden kamen nicht nur aus den befreundeten Bruderländern Ost- und Mitteleuropas, sie kamen auch aus Madagaskar, Kolumbien, dem Irak und Österreich.

In Woronesch, der weltvergessenen Provinz Breschnews, erfuhr ich rasch und unwiderruflich, was der Einbruch anderer Kultur in die eigene bedeutet: das Leben ändern. Und das neue Leben, das daraufhin begonnen hatte, nahm mich im Verlaufe der fünf Jahre gefangen, sodass ich darüber zuweilen mein Studium, das urvertraut-fremd gebliebene Leben im Lande Lenins und meine Landsleute vergaß. Für das Studium der Quantenchemie hat diese Gefangennahme überraschend keine unerfreulichen Folgen gehabt. Doch sollte sich bald zeigen, dass ich die politischen Umstände im Lande Lenins und meine Landsleute darin nicht ungestraft zugunsten jenes neuen Lebens vernachlässigt hatte.

An einem Nachmittag im März 1984, von einem Offizier des KGB in einen Keller des Wohnheims Nr. 3 geleitet, finde ich mich zwei Herren des Staatssicherheitsdienstes der DDR gegenüber, die mir ordentlich ihre Ausweise vor meine vermutlich schreckgeweiteten Augen halten und dann Episoden aus den zurückliegenden Jahren meines neuen Lebens nachzuerzählen beginnen. Man ist gut unterrichtet. Sei es, dass ich in Briefen nach Hause oder Freunden gegenüber Andeutungen gemacht habe, sei es, dass sie selbst mit ihren Augen und Ohren oder denen ihrer Waffenbrüder vom KGB dabei gewesen sind, die beiden Offiziere wissen von verbotenen Freundschaften zu Studentinnen und Studenten aus dem Westen, von illegalen Reisen durch die UdSSR, von Beziehungen zur österreichischen Botschaft und zu britischen Journalisten.

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