Die Religionsstifter
Was Bob Marley und Leonhard Howell gemeinsam haben
Als Haile Selassie 1967 zu einem Staatsbesuch nach Jamaika kommt, traut er sich nicht aus dem Flugzeug. Hunderttausend Menschen halten das Gelände besetzt, sitzen auf den Dächern der angrenzenden Gebäude, stehen neben der Rollbahn und drängeln sich, um ihn zu empfangen. Ihn, einen kleinen weißen Mann in einer Uniform, Kaiser von Äthiopien. Ihn, den Gottkönig des Rastafarianismus, den Erlöser, den Nachfahren König Salomons: Ras Tafari.
Eine halbe Stunde lang weigert er sich, das Flugzeug zu verlassen, kann schließlich von einem Rastageistlichen überredet werden, steigt die Treppe herunter, setzt sich in die wartende Limousine und fährt im Schritttempo durch die Menge. Stunden später wird er sich weigern, als Gott anerkannt zu werden, eine Aussage, die die Rastas als göttliche Bescheidenheit auslegen.
Zwei Männer sind allerdings nicht am Flughafen, als Selassie landet. Leonhard Howell, der Begründer der Rastareligion, ohne den es nie zu diesem Auflauf gekommen wäre, und Bob Marley, ihr mächtigster Prophet, ohne den man sich heute an den Staatsbesuch Selassies nur noch als merkwürdige Anekdote einer religiösen Massenhysterie in einem armen Karibikstaat erinnern würde. Marley arbeitet in Delaware in einem Chryslerwerk. Am Abend dieses Tages wird seine Frau Rita ihm einen Brief schreiben, um zu erzählen, sie werde zur Rastareligion übertreten, Selassie habe ihr am Flughafen in die Augen geblickt, und sie habe seine linke Hand gesehen, die von einem Jesusmal gezeichnet sei. Howell ist zu dieser Zeit verschollen. Zwei Bücher widmen sich nun dem Religionsstifter und seinem Sänger: Der erste Rasta von der französischen Journalistin Hélène Lee und Bob Marley von Timothy White.
Geschichten des Reggae gibt es ungefähr genauso viele, wie Kulturwissenschaftler, Musikjournalisten oder Reisereporterinnen Zeitzeugen aufgetrieben haben. Seitdem ist viel Gras geraucht und viel Rum getrunken worden. Die Quellenlage ist unsicher, nichts Genaues weiß man. Von Howell gibt es lediglich drei Bilder, man weiß nicht einmal, wie viele Kinder er gezeugt hat, der größte Teil seines Lebens liegt im Dunkel. Gerade einmal das Geburtsdatum ist sicher. Am 16. Juni 1898 kommt er zur Welt. Er ist der Sohn eines angesehenen Friedensrichters mit Landbesitz. Als Teenager verlässt er die Insel, geht nach Panama, wo gerade der Kanal gebaut wird, meldet sich zur britischen Armee, kehrt ihr wieder den Rücken, behauptet später, Europa und Asien bereist zu haben - kurz: Er ist einer jener zahllosen Schwarzen, die im Zuge der großen Migrationsbewegungen in den ersten zwei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts von einem Ort zum anderen gespült werden, je nachdem, wo es gerade Arbeit gibt.
Hélène Lee folgt ihm dabei. Sie fährt nach Jamaika, sie stöbert in Harlem durch Archive und Antiquariate. Sie treibt Exemplare von Schriften auf, die in den Zwanzigern zu Dutzenden kursierten. Obskure reliöse Traktate wie etwa die Holy Piby, die "schwarze Bibel", Zeugnisse eines afroamerikanischen Äthiopismus, Rezepte für Kräutermedizin.
Die Entstehung des Reggae aus dem Geist des Rasta
Immer wieder sind es nur Fragmente, die Lee zutage fördert, und auch die Geschichten, die ihr erzählt werden, sind schon so oft kursiert, dass sie die merkwürdigen Schriftstücke aus fernen Zeiten nur fortschreiben. Und so belässt sie die Gültigkeit ihrer Recherchen in der Schwebe und versucht sich vorzustellen, wie es denn gewesen sein könnte, damals in den frühen Dreißigern, als Leonhard Howell nach Jamaika zurückkehrte und in fröhlichem Synkretismus aus all diesen Versatzstücken die Rastareligion zusammenbaute, ins Gefängnis geworfen wurde, wieder freikam, in die Psychiatrie musste und schließlich das Pinakel erwarb, ein viele Hektar großes Grundstück, wohin er sich schließlich mit seiner Gemeinde zurü ckzog. Ein Gelände, wo Howell - der Gong - über mehrere tausend Rastas herrscht, die sich die Haare wachsen lassen, um eine Löwenmähne zu bekommen, und vom Anbau und Verkauf von Marihuana leben - Ganja, das heilige Kraut, das die Rastas zum Sakrament erheben. Angesichts der Vorsicht, die Hélène Lee walten lässt, und der Genauigkeit, mit der sie ihre Träumereien von dem trennt, was bewiesen scheint, kann man bei Timothy Whites Bob Marley manchmal misstrauisch werden.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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