Die Schrift der Hand
Das Halbportrait einer jungen Frau nach rechts von Henri Matisse eröffnet und überstrahlt die Ausstellung Die Intelligenz der Hand im Salzburger Rupertinum (bis 4. Februar 2001, Katalog 300,- ÖS). Peter Weiermair, scheidender Direktor des Hauses, widmet diese Schau seinem neben der Fotografie zweiten Lieblingsthema, der Handzeichnung. 160 Blätter von 160 Künstlern aus der Zeit von 1944 bis heute hat er streng nach den klassischen Kriterien, der Linearität und der Dominanz von Schwarz und Weiß ausgewählt. Was ihn wie alle anderen Liebhaber des Mediums reizt, ist die Unmittelbarkeit des Ausdrucks, die direkte Niederschrift von Gedanken und Gefühlen, aber auch der experimentelle Charakter der Zeichnung, die er "Kammermusik und nicht große Oper" nennt. Bei einer Beschränkung auf nur je ein Blatt pro Künstler ist die Gefahr einer zusammenhanglosen Reihung ebenso groß wie die von ungerechtfertigten Gruppenbildungen. Beidem entgeht Weiermair bravourös. Er zeigt neben Einzelpositionen wie Giorgio Morandi, Maria Lasssnig, Joan Hernández Pijuan oder Jürgen Partenheimer auch kurze, oft überraschende Entwicklungslinien, Gegensätze und Verwandtschaften auf. So wird das Thema Menschendarstellung in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit Karl Hofer, Oskar Kokoschka, Max Beckmann, Anton Kolig, Marino Marini, Fritz Wotruba bis hin zum fantastischen Realismus von Ernst Fuchs als kontrovers und experimentell vorgeführt. Fuchs leitet über zum Surrealismus, der als Bewegung der Zeit vor dem Krieg zu Recht nur kurz gestreift wird. Das Fehlen von Dalø und Henri Masson ist aber dennoch unbegreiflich. Eine ganz besonders reizvolle Gruppe bilden die Blätter von Piero Dorazio, Jan Schoonhoven, Heinz Mack und Bridget Riley, in deren Mitte sich eine kleine Arbeit von Roman Opalka bestens einfügt. Diese gut nachvollziehbare Art von Zuordnungen geht im letzten Drittel des chronologischen Ablaufs verloren. Es sieht so aus, als hätten die nach 1945 geborenen Künstler an zeichnerischer Kraft eingebüßt. Das aber liegt an der Auswahl, die zu viel Rücksicht auf Weiermairs zukünftigen Arbeitsplatz in Italien nimmt.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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