Die Schuld der Wörter
Der Konservative spricht: Unsere Zeit ist eine Parodie alles Vorhergehenden.
Die Erfahrung lehrt: Meist steckt hinter der Parodie eine versehentlich über sich selbst gestolperte, ganz ernsthafte Absicht. Die Münchner Merkur-Bank musste vergangene Woche die Auslieferung mehrerer tausend Werbebroschüren stoppen. Man hatte übersehen, dass der Slogan "Jedem das Seine" bereits vom Lagerkommandanten des KZs Buchenwald als Türspruch benutzt worden war.
Ursprünglich geht er auf eine Sentenz Catos zurück, zitiert bei Cicero, und 1701 durch Friedrich I. zum Motto des Schwarzen-Adler-Ordens erhoben, seither preußischer Wahlspruch: suum cuique. Das wussten die Chefs der Merkur-Bank leider nicht und befinden sich in guter Gesellschaft, da in den letzten drei Jahren Microsoft und Burger King, Rewe und Nokia mit derselben Parole unrühmlich gestrandet sind. Unwissenheit gehört nun mal zum Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die Nokia-Plakate klebten 1998 sogar am Bauzaun des Berliner Grundstücks für das Holocaust-Mahnmal. Da palaverte der Deutsche Werberat noch von einer "absolut extremen Ausnahme", derweil in Rewes Fleischabteilung die Zeile getextet wurde: "Grillen - Jedem das Seine".
Ein Schelm, wer an Verbrennungsöfen denkt. Prompt rauschte es im deutschen Blätterwald, die Wörter könnten ja nichts dafür. Dieser verschrobene Klemperer mit seiner Paranoia vor der Sprache des "Dritten Reiches" wird gottlob auch bald vergessen sein. Warnt nicht schon Lessing: "Wer viel weiß, hat viel zu sorgen"? Wir sollten der Werbebranche lieber dankbar sein, zerstreut sie doch seit Jahren systematisch unsere Selbstzweifel. "Wir sind wieder wer!"
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren