Die Wonnen des Wunderbaren

Fantastische Bilderrätsel des Surrealisten Yves Tanguy in der Staatsgalerie Stuttgart

Wo ist das Meer?" So lautete die erste Frage einer experimentellen Sitzung in André Bretons Pariser Atelier, wo Surrealisten vor dem Rätsel einer Tagereise von Giorgio de Chirico die irrationalen Möglichkeiten erproben wollten, "in ein Bild einzudringen und sich an ihm zu orientieren".

Yves Tanguy, einer der Gruppe, hätte die Frage für das eigene Werk leicht beantworten können. Denn in seiner Malerei bedeutete Meer nicht irreale Ahnung, sondern Anwesenheit: ein erkennbarer, menschenleerer, menschenferner Raum. Die Endlosigkeit des Nebelmeers, die Wüstenei aus Sand und Steinen, in die seltsam amorphe Formen wie Lebewesen aus einer anderen Welt eingedrungen waren.

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Yves Tanguys rätselhafte Bilder sind jetzt - mit rund 80 Gemälden und 35 Arbeiten auf Papier sowie begleitenden Werken anderer Surrealisten - in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen. Die Retrospektive dieses hierzulande wenig bekannten, bewunderungswürdigen Kleinmeisters ist eine Lebensreise voll Geheimnis und Stille, gleichermaßen anziehend wie distanziert. Dieses Werk, seit Mitte der zwanziger Jahre in drei Jahrzehnten zwischen Paris und der Bretagne, New York und Connecticut entstanden, lebte aus dem Geist der surrealistischen Bewegung und einem Gefühl für die Aktualität des Unbewussten, das heute Geschichte ist. Als Künstler Autodidakt, hatte sich Tanguy den Wonnen des Wunderbaren und den Freiheiten der Imagination hingeben können. Denn er besaß, was sein Vorbild de Chirico die "halluzinatorische Qualität der menschlichen Intelligenz" nannte. Zudem brachte er es fertig, innerhalb weniger Jahre zu einer eigenen Sprache zu finden - der merkwürdigen Vereinigung abstrakter Zeichen und illusionistischer Landschaft.

Dass Tanguy nach einer Ausstellung 1982 in der Kunsthalle Baden-Baden nun erst zum zweiten Mal in Deutschland gezeigt wird, spricht für die Fremdheit seines Werks und eine Sonderrolle innerhalb der surrealistischen Gruppe.

Anfangs war er ein Maler für Maler. Einer, der seine Gefährten mit kubistisch inspirierten, magisch-realistischen Bilderzählungen neugierig machte. Und der dann, wie ein Miniaturist, Imaginationen und Malweise zu beunruhigender Vollkommenheit zu verfeinern wusste: "Auf einen Punkt gebracht", wie Tanguys Mentor Breton notierte, "wo der Federball ebenso viel wiegt wie die Bleikugel, wo alles fliegen und sich verkriechen kann, wo das Feindliche aufeinander trifft, ohne dass es zur Katastrophe kommt". Das ist einfach und kompliziert zugleich und verlangt vom Betrachter ebenjene Offenheit, die Tanguys schweigenden Fantasien eigen ist. Die ehernen Gesetze des Surrealismus - "Die Überraschung muss bedingungslos um ihrer selbst willen gesucht werden!" - sind heute nicht gerade Allgemeingut im Kopf von Museumsbesuchern. Das zweckfreie Spiel des Denkens, der Glaube an die Macht der Assoziation und die Allmacht des Traums - alles Kunstgeschichte, auch wenn diese Unruhe, dieser Aufruhr Jahrhundertkünstler wie Max Ernst und Salvador Dalø hervorbrachte. Doch wo der eine sein Publikum bis heute souverän erobert und der andere es nach genialen Anfängen - und etlichen Anleihen bei Tanguy - in den Abgrund populärer Exaltation führte, blieb Yves Tanguy im Schatten, so als sei er selbst eine seiner isolierten Phantasmagorien.

Schwarze Landschaften und erotische Evokationen

Der Sohn eines Beamten im Pariser Marineministerium, aus bretonischer Familie und selbst kurze Zeit bei der Handelsmarine, kam um 1922 in den Kreis der Surrealisten. Und schwieg gern und beharrlich: eine Erscheinung mit wirrem Haarschopf, "so wie in einen ewigen Trenchcoat gekleidet ... von bescheidenem, aber sicherem Auftreten", wie es hieß. Arm, erfolglos und oft selbstzerstörerisch trunken, war Tanguy nüchtern ein geduldiger Arbeiter. Er muss in wenigen Jahren ungeheuer viel aufgenommen, gelernt und sich zugetraut haben: eine altmeisterliche Peinture mit schwebenden, opaken Farbschichtungen

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