Die verdammten Barbaren!
Preußen von unten: Ein Schweizer als Soldat Friedrichs des Großen/Von Ulrich Bräker
Es war den 8. Aprill [1756] da wir zu Berlin einmarschierten ... [Tags darauf] brachte mir der Feldweibel mein Commisbrodt, nebst Unter= und Uebergewehr, u.s.f. ... Jtzt führte man mich in die Montirungskammer, und paßte mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an gab mir einen Hut, Halsbinde, Strümpfe u.s.f. Dann mußt' ich mit noch etwa zwanzig andern Recrutten zum Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbey, und befahl jedem einen Zipfel anzufassen.
Ein Adjutant, oder wer er war, las' uns einen ganzen Sack voll Kriegsartikel her, und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrern nachmurmelten Jch regte mein Maul nicht - dachte dafür was ich gern wollte - ich glaube an Aennchen schwung dann die Fahne über unsre Köpfe, und entließ uns ...
Die erste Woche indessen hatt' ich noch Vacanz gieng in der Stadt herum auf alle Exercierplätze sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff.
Jch bat daher Zittemann, mir bey Haus die Handgriffe zu zeigen. "Die wirst du wohl lernen"! sagte er: "Aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's dir wie e'n Blitz"! Jndessen war er so gut, mir wirklich alles zu weisen wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte, u.s.f. ...
Sie werden geschlagen, bis ihnen die Haut in Fetzen hängt Die zweyte Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermuthet drey meiner Landleuthe, Schärer, Bachmann und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente (Jtzenblitz) die beyden erstern vollends unter der nämlichen Compagnie (Lüderitz) befanden ... Schärer war eben so arm als ich: Allein er bekam ein Paar Groschen Zulage, und doppelte Portion Brodt der Major hielt ein gut Stück mehr auf ihm, als auf mir. Jndessen waren wir Herzensbrüder so lang einer etwas zu brechen hatte, konnte der andere mitbeissen. Bachmann hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl, und harmonierte nie recht mit uns und doch schien immer die Stunde ein Tag lang, wo wir nicht beysammen seyn konnten.
G[ästli] mußten wir in den H * * häusern suchen, wenn wir ihn haben wollten er kam bald hernach ins Lazareth.
Jch und Schärer waren auch darinn völlig gleichgesinnt, daß uns das Berliner=Weibsvolk eckelhaft und abscheulich vorkam und wollt' ich für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit einem Finger berührt. Sondern so bald das Exerziren vorbey war, flogen wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner- oder Gottwitzer-Bier, schmauchten ein Pfeifgen, und trillerten ein Schweitzerlied. Jmmer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen: Meist bestand der Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe aber in einer solchen Lage nimmt man mit noch weniger vorlieb.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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