Dornröschen
Wolfenbüttel wird eingeschläfert: Bitteres Schicksal einer der bedeutendsten Bibliotheken Europas
Es ist kalt, und es regnet. Auf den Stufen zu einer der wichtigsten, reichsten Bibliotheken Deutschlands, nein: Europas, versammeln sich seit Wochen, jeden Samstag, Bürger aus Wolfenbüttel. Sie protestieren gegen die Politik des Landes, der Stadt, gegen den Direktor der Herzog-August-Bibliothek, der auf stille Art dabei ist, das Institut zu vernichten.
Wolfenbüttel? Seit Jahren hört man von dem schönen Städtchen bei Braunschweig fast nichts mehr. Keine große Jahresausstellung mehr, keine Diskussionen, die ausstrahlten. Jetzt rächt sich, dass eine verschlafene Kulturbürokratie in Hannover die ruhmreiche Bücher-Burg keinem ausgebildeten Bibliothekar, sondern einem hoch gebildeten Sinologen überlassen hat. Der Professor schafft Regalmeter erst einmal für seine privaten Chinoiserien. Dann drängt er alle Bibliotheksfachleute raus
wo etwa ist Sabine Solf, die international geachtete Bibliothekarin, die auf ihre Weise den ganzen Laden, auch wissenschaftlich, zusammengehalten hat? In den Vorruhestand geflohen. Und Georg Ruppelt, Leitender Bibliotheksdirektor? Der neue Mandarin hat ihn rausgemobbt. Seit ein paar Jahren geht einer der besten Bibliotheksmenschen unseres Landes spazieren, bei vollem Gehalt, samt Sekretärin. Könnte das schlechte Gewissen des bettelarmen Landes Niedersachsen besser, also elender offenbar werden als in solcher Geldvernichtung und Demütigung eines Wissenschaftlers?
Jetzt schlägt der in Bibliotheksfragen überforderte Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer einen Anbau an die Bibliothek vor, der die kleine Stadt an der Oker erregt. Natürlich platzt auch diese Büchersammlung aus allen Mauern.
Aber den "Schuhkarton", den das Architekturbüro Lindemann & Thamm jetzt an das alte wilhelminische Gebäude kleben will, ist von einer ästhetischen Tristesse, die auch dadurch nicht gemindert wird, dass Schmidt-Glintzer seinen Mitbürgern den Trost spendet, während der Sommerzeit sei die Brutalität ja hinter Sträuchern verborgen. Dasselbe Baukünstler-Paar hat am Kornmarkt schon den wunderbar geschlossenen Eindruck mittelalterlicher Hausfassaden zerstört durch einen Glaskasten von provozierender Banalität, den man natürlich auch als "lebendige Fortschreibung der Stadtgeschichte" feiern kann.
Wie fern der Direktor allem Büchereiwesen ist, zeigt sich nun. Geplant war eine Erweiterung der Leseplätze, wie sie in einer Forschungsbibliothek nötig ist. Was der bibliothekarische Lehrling auf dem Direktorenthron nun billigt, ist eine Verkleinerung, also eine Zerstörung der Bibliothek. Jetzt stellt sich heraus: Statt 62 Arbeitsplätzen sind demnächst nur noch 50 vorhanden.
Und das für mehrere Millionen.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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