Ein Platz an der Sonne

Die Solarwirtschaft boomt - Solarteure sind gefragt

Für Bülent Aydemir begann das Solarzeitalter vor 20 Jahren im türkischen Yalova. Sein Großvater montierte eine geteerte Regentonne aufs Dach - fertig war die erste solarthermische Anlage im Dorf. "Das hat mich als Kind total fasziniert. Die anderen Leute haben ihr Badewasser auf offenem Feuer warm gemacht."

Das sonnige Kindheitserlebnis ließ ihn nicht mehr los. Aydemir kam nach Deutschland, absolvierte die Berufsfachschule für Maschinenbau und ließ sich dann am Stuttgarter Solarenergie-Zentrum zum "Solarteur" weiterbilden.

Solarteure lernen, wie sich mit Fotovoltaik-Anlagen Sonnenlicht in Strom umwandeln lässt oder wie man mit solarthermischen Anlagen das Wasser für Dusche, Bad und Heizung erwärmt. Auf ihrem Lehrplan stehen auch Seminare zum Ökomarketing und zur Finanzierung von regenerativer Energie. Noch handelt es sich beim Solarteur um keinen anerkannten Beruf, sondern um eine Zusatzqualifikation für Gesellen, Meister und Facharbeiter aus verschiedenen Handwerkszweigen.

Neben dem Stuttgarter Solarenergie-Zentrum bieten das Münchner Bildungszentrum für Solartechnik und die Münsteraner Handwerkskammer Schulungen zum Solarteur an. Und die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie führt in Berlin eigens eine SolarSchule.

Der 31-jährige Aydemir gründete vor fünf Jahren im württembergischen Herrenberg die Firma Aysolar. Eine riskante Entscheidung, "denn damals gab es für Solaranlagen noch keinen Markt". Inzwischen ist die Technik günstiger und zuverlässiger geworden. "Jetzt läuft's", sagt der Jungunternehmer. Als Spezialist für umweltschonende Energietechnik berät Aydemir Häuslebauer beim Beantragen der staatlichen Fördermittel und unterstützt Handwerksbetriebe bei der Planung und Installation von solartechnischen Anlagen.

"Die Solarbranche ist völlig ausgelastet", sagt Carsten Körnig, Geschäftsführer der Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft. Seit zwei Jahren verzeichneten die 220 Unternehmen des Verbandes "enorme Wachstumsraten".

Politische Fördermaßnahmen haben die Nachfrage nach Solartechnik kräftig angekurbelt: Dazu gehören das 100 000-Dächer-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums und das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das den Produzenten von Solarstrom einen Absatzpreis von 99 Pfennig pro Kilowattstunde garantiert. Einen weiteren Schub verdankt die Branche den gestiegenen Preisen für Öl und Gas. Für die Zukunft erwarte die Solarwirtschaft ein jährliches Umsatzwachstum von 30 bis 40 Prozent, so Körnigs Prognose, und "die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften wird kräftig steigen".

Von der neuen Ausrichtung der Energiepolitik profitiert auch das Handwerk.

Insbesondere für Heizungsbauer hat sich die solarthermische Kompetenz zu einem echten Wettbewerbsvorteil entwickelt. "Spezialisierte Monteure kriegen zwischen 30 und 40 Aufträge im Jahr", hat Aydemir beobachtet. Ein lukratives Geschäft, denn die Installation einer solarthermischen Heizungsanlage beschäftigt einen Monteur vier Tage lang. Doch Fachleute sind dünn gesät: "Auf dem Arbeitsmarkt ist Ebbe", sagt Aydemir, "wir suchen händeringend."

Noch mangelt es an einer übergreifenden Ausbildung Der Mangel an qualifizierten Fachkräften betrifft nicht allein die Heizungsbauer. Gefragt nach der möglichen Nutzung von Sonnenenergie, zucken die meisten Handwerker bislang noch mit den Schultern. Egal, ob Elektriker, Dachdecker oder Klimatechniker: Das Handwerk ist für die neuen Technologien schlecht gerüstet, denn weder Gesellen noch Meister werden für den Umgang mit den regenerativen Energien ausgebildet. "Die fachgerechte Installation von Solaranlagen erfordert völlig neue berufliche Kompetenzen", schrieb die Deutsche Handwerkszeitung schon vor zwei Jahren. Der Ruf verhallte ungehört.

Handwerker, die sich für die Anwendung von regenerativen Energien interessieren, sind noch immer auf berufsbegleitende Lehrgänge wie in Stuttgart oder Münster angewiesen, die sie privat organisieren müssen. Um die Defizite der regulären Ausbildung aufzufangen, haben einige Innungen und Kammern in den letzten Jahren Weiterbildungsprogramme aufgelegt. Das Angebot reicht von Wochenendseminaren bis hin zu zehnmonatigen Lehrgängen, die als Qualifizierungsmaßnahmen vom Arbeitsamt gefördert werden.

Die steigende Nachfrage nach solchen Qualifikationen macht deutlich, dass eine gewerkeübergreifende Ergänzung der Lehrlings- und Meisterausbildung nötig wäre. "Die Gewerke sollten gemeinschaftlich vorgehen", fordert Uwe Hartmann, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie. Dazu konnten sich die Spitzenverbände des Handwerks jedoch noch nicht durchringen.

Sie tun sich schwer mit dem Gedanken, die Zuständigkeit für die Montage der Anlagen zu teilen und die Ausbildung des Nachwuchses gemeinschaftlich zu organisieren.

In den Köpfen ist das Konkurrenzdenken fest verankert. Mit dem Hinweis auf die eigenen Kernkompetenzen verteidigen die einzelnen Handwerkszweige ihre alleinige Zuständigkeit für Elektrik, Heizung oder die Arbeit auf dem Dach.

Dabei haben die technischen Neuerungen am Bau die traditionelle Aufgabenteilung längst gesprengt. "Das Problem sind die Schnittstellen", sagt Johann Schmidt, Leiter des Stuttgarter Solarenergie-Zentrums. Bei der Installation von Solartechnik sei ein Universalkönner gefragt. Er sollte sich mit Fotozellen ebenso gut auskennen wie mit Kabeln, Rohren und Dachziegeln.

In den Spitzenverbänden des Handwerks hat sich diese Erkenntnis aber noch nicht durchgesetzt: "Die wollen lieber ihre Pfründen behalten."

* Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter www.zeit.de/2001/03/solarteur

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    • Von Oliver Burgard
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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