Ein bisschen Exzess tut der Seele gut
Wenn das Süße sauer wird, wenn's einem reicht, die Stadt nervt und das Wetter ohnehin, wenn einer nach 15 Jahren Deutschland aufwacht und es nicht mehr hören kann, dass er angeblich langsam schlapp wird, wenn er genug hat von geschmackvollen Alben und plötzlich feststellt: I'm wild! - dann dürfte man annehmen, er brülle. Nicht hier. Im Theater hieße es, er spreche beiseite.
So, wie entscheidende Dinge oft beiseite gesprochen werden.
In der Rockmusik sind solche Nuancen eher rar, bestenfalls konterkariert die Musik den Text, Ironie oder feinsinniges In-der-Schwebe-Lassen ist selten ihre Stärke. Doch dieser Mann ist eine Ausnahme, er verbindet die finsteren Dramolette eines Randy Newman mit dem Kellerklang eines Tom Waits, wird mit beiden verglichen, obwohl er doch seit Anbeginn auf der gleichen Etage wohnt.
Mitte der achtziger Jahre kam der seltsame Engländer nach Deutschland, stürzte in München tief alkoholisiert ab, blieb in Nürnberg hängen und fand dort sein deutsches Exilglück, sicher vor sich selbst. Zehn Alben produzierte Kevin Coyne seitdem, unverkennbar in seiner Handschrift, und doch manchmal formelhaft, als Markenzeichen.
Room Full Of Fools (Ruf 1052, Vertrieb: Inakustik), sein - geschätzt - 35.
Album, entstand in den USA, vibriert vor Spannung, als seien einige Dämonen auferstanden, als stelle er sich wieder den verrückten Freunden und vernünftigen Feinden, während er in Deutschland nur höflich Einspruch formulieren wollte. "Das Leben im geruhsamen good ol' Germany wirkt im Vergleich zu den USA ein bißchen flau und lasch. Wir sind alle zu fit und gesund. Ein bißchen Exzess könnte der Seele nur gut tun." Schreibt Coyne und singt und spielt so verzweifelt und rau wie in den Tagen von Sanity Stomp, unterstützt von den nachgewachsenen Künsten seines Sohnes Robert Coyne. "Es ist sehr angenehm, wenn sich der eigene Sohn als talentierter Multi-Instrumentalist entpuppt."
Ist sein Kopf zu groß, sein Herz zu gebrochen, liegt sein Stil zu sehr zwischen den Grenzen? Zu viel Romantik, zu viel Selbstzweifel, will man so viel entschlossene Realität in der Rockmusik nicht hören? Warum ist dieser Kevin Coyne nicht weltbekannt? Vor dem Blues bewahrte ihn sein bitterer Humor, von der Folkmusik hielt ihn seine Rock-'n'-Roll-Stimme ab, vor Pop und Erfolg schützt ihn seine Ehrlichkeit. Das war's. Ende Januar zieht er durchs Provisorium (Tourneedaten: www.kevincoyne.de), singt wieder an jener Schwelle, wo Glück und Unglück verwechselbar werden. Vielleicht greift er auch mitten ins Deutsche: "Wunderbar, mein Schatz. Himmel ist hier mit dir."
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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