Friedrich Engels wohnt hier nicht mehr
Die zwei Gesichter einer Stadt: Manchester, Wiege und Grab des Kapitalismus. In den Ruinen regt sich Leben. Und die Clubs sind brechend voll. Unterwegs mit der Kneipenwirtin Doreen und dem Werbegrafiker Dave
Leider ist der beste Stadtführer von Manchester tot. An einem grauen Dezemberabend kam er einst mit dem Zug aus London an. In der Metropole der Grafschaft Lancashire sollte der junge Mann aus Barmen seine Kaufmannslehre beenden. Knapp zwei Jahre blieb er in Vaters Fabrik. Zeit genug, um Gewissheit zu erlangen, dass in dieser Stadt die Erniedrigung, in welche der Arbeiter durch die Anwendung von Dampfkraft, Maschinerie und Arbeitsteilung versetzt wird, und die Versuche des Proletariats, sich aus dieser entwürdigenden Lage zu erheben, auf die höchste Spitze getrieben werden. So schrieb er nach der Rückkehr in die Heimat. 1844 war's, und der junge Mann hieß Friedrich Engels.
Das Buch über seine Zeit in der Stadt der tausend Schlote, sein Bericht über Leben und Leiden der Heloten des Industriezeitalters, erschien ein Jahr später: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Ein Pamphlet, mit sozialrevolutionärem Herzblut geschrieben, eine bitterböse Abrechnung mit der verhassten liberalen Bourgeoisie.
Einstieg in die Zeitmaschine, Marx/Engels' Werke, Band 2, und einen Stadtplan in der Tasche. Der abscheulichste Fleck heißt Little Ireland ... 200 Cottages, worin zusammen an 4000 Menschen, fast lauter Irländer, wohnen. Schon streikt die Zeitmaschine. Man kann die Augen schließen, so lange man will, aber die Bilder wollen nicht kommen. Eine Unmenge Unrat, Abfall und ekelhafter Kot liegt überall herum - eine Menge zerlumpter Kinder und Weiber treibt sich hier umher ... Nur eine Plakette an einer Hauswand erinnert an jenen Slum, in dem zu Engels' Zeiten irische Einwanderer hausten, arme Teufel, geplagt von Typhus und Ratten und Cholera. Fast 160 Jahre haben alles weggefräst. In teuren Lofts residieren die Vertreter der Lifestyle-Fraktion. Und aus den Bürogebäuden kommen sonnenbankgebräunte Versicherungsangestellte, Plastikausweis am Revers, und gehen zum Mittagessen. Ein guter Italiener ist ganz in der Nähe.
Weiter in östlicher Richtung, quer durch die Innenstadt, die durch einen IRA-Bombenanschlag im Juni 1996 weitgehend zerstört und danach neu aufgebaut wurde, zum River Irk, einem schmalen, pechschwarzen Fluss, voll Unrat und Abfall. So ähnlich hat er wahrscheinlich damals schon ausgesehen, schwarz und sämig. In ein Korsett aus Beton haben sie den Fluss gezwängt, damit schneller fließt, was nur noch fließen soll. Damals bekam er die tödliche Injektion aus den Gerbereien, Färbereien und Knochenmühlen, deren Abflüsse und Abfälle samt und sonders in den Irk wandern. Heute geben sie dem schwarzen Kanal Autoreifen zu fressen, Flaschen und Kanister, damit er satt wird und träge und alles vergisst. Der Armenfriedhof der Altstadt liegt am Irk ...
Ein paar Geheimnisse hat der River Irk in seinem Bett aus Schlick vergraben.
Und wenn die Leute von British Waterways nicht manchmal mit ihren Baggern anrückten, um den giftigen Schlamm herauszuholen, hätte er seine kleine Andenkensammlung nie wieder hergegeben. Bierflaschen aus Brauereien, die es lange nicht mehr gibt, riesige rostige Schraubenschlüssel, Schweineschädel.
Einmal stieß ich mit der Hacke auf etwas Hartes: eine Bierflasche, kaum zu erkennen unter der dicken Kruste aus Dreck. Sicher hundert Jahre alt. Der Name der Brauerei, Fletcher & Holt Manchester, war ins Glas eingegossen. Beim Weiterkratzen kam eine Figur zum Vorschein, der Brauer wahrscheinlich. Sogar die Augen, winzige Vertiefungen im Glas, sind zu erkennen. Man fragt sich: Wer mag hier Bier getrunken haben, ausgerechnet am Ufer dieses stinkenden Styx.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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