Geist und Gulag
Sind die Pariser Intellektuellen magische Denker zweiter Klasse? Régis Debray jedenfalls hält die französische Intelligenz für mausetot
Die Intellektuellen hatten selten eine gute Presse. Helmut Schelsky verglich sie mit einer parasitären Priesterkaste, die von der Dummheit der Gläubigen üppig lebt. Arnold Gehlen belustigte sich über ihre "reich informierte Weltfremdheit" und nannte sie "Mundwerksburschen", die die Gesellschaft verändern wollen, "aber keinen Hebel in der Hand haben, um auch nur die Ortsverwaltung in Wahnmoching zu beeinflussen". Der französische Philosoph Julien Benda beklagte 1927 den "Verrat der Intellektuellen": Statt die geistigen und moralischen Werte gegen die Vereinnahmung durch die Tagespolitik zu verteidigen, seien sie selbst in die Niederungen des politischen Kampfes hinabgestiegen. Benda hatte in erster Linie die faschistische Action française und ihre literarischen Wortführer im Auge.
Sein Landsmann Raymond Aron meinte dagegen den Kommunismus, als er 1955 das "Opium der Intellektuellen" attackierte. "Schon das Wort intellectuel", schreibt der Historiker Pierre Nora in der Sommerausgabe der liberalen Zeitschrift Débat, "ist nahezu unerträglich geworden".
Und jetzt erklärt Régis Debray in seinem soeben erschienenen Pamphlet I. F.
suite et fin (I. F. - Fortsetzung und Schluss) den intellectuel français für mausetot. Was heute unter diesem Namen auftrete, sei nichts weiter als der Abglanz eines erloschenen Sterns, der degenerierte Ableger einer ausgestorbenen Rasse. Debray, wir erinnern uns, war einst ausgezogen, Lateinamerika an der Seite "Che" Guevaras vom Joch des Yankee-Kapitalismus zu befreien. Sein Feldzug endete mit drei trostlosen Jahren in einem bolivianischen Gefängnis. Nach seiner Entlassung war er eine Zeit lang Mitterrands Berater für Fragen der Dritten Welt. Später entdeckte er die Wonnen des Gaullismus und kämpfte mit einem buntscheckigen Trupp von Nostalgikern gegen den Euro und den Ausverkauf der nationalen Identität an die anonymen Mächte des Weltmarkts. Zugleich empfahl er sich als Vorreiter einer neuen Wissenschaft, der Mediologie. Debrays große Stunde schlug im Mai 1999 während der Kosovo-Aktion. Die Serben hatten ihm einen kurzen Besuch in Prishtina gestattet, von wo er mit ebenso idyllischen Eindrücken zurückkehrte wie Peter Handke aus Belgrad. In einem offenen Brief beschuldigte er Staatspräsident Chirac, Frankreich zum Handlanger Amerikas erniedrigt und in einen überflüssigen Krieg gezogen zu haben. Nach den wütenden Kommentaren, die er sich dafür einhandelte, trat er einen Teilrückzug an: Nur Platznot habe ihn daran gehindert, auch die Leiden der albanischen Flüchtlinge angemessen zu schildern.
Diese Vorgeschichte ist möglicherweise nicht die beste Empfehlung für eine verlässliche Diagnose der intellektuellen Szene Frankreichs. Oder doch? Sind es nicht gerade die gebrannten Kinder, die das Feuer am gründlichsten kennen?
Hier ist, was Debray zu sagen hat: Einst gab es eine große Zeit der Intellektuellen. Musterbeispiel des intellectuel des origines (I. O.) war Émile Zola, der mutige Kämpfer für die Aufdeckung der verheimlichten Wahrheit, der Unschuld des Hauptmanns Dreyfus. In den siebziger Jahren verkam der I. O. zum pathologischen intellectuel terminal (I. T.): "Der I. T.
verhält sich zum I. O. nicht wie die Kopie zum Original oder wie das Taschenbuch zur Erstausgabe, sondern wie die Zuckerkrankheit zu einem gesunden Stoffwechsel." Nicht die Wahrheit interessiert den I. T., sondern nur sein eigener Ruhm und seine Macht auf dem Medienmarkt. Sein Begriff von Wahrheit gleicht dem magischen Denken der Naturvölker, die ohne Logik und Kausalität auskommen und problemlos mit den krassesten Widersprüchen leben oder dem "weisen Rat" jenes Chefredakteurs, der seine Leute anwies: "When the facts become unpleasant, stop reporting." Je ein Kapitel widmet Debray den fünf "Kardinaltugenden" des I. T. - kollektiver Autismus, vollmundige Realitätsblindheit, moralischer Narzissmus, chronisch falsche Voraussagen, kurzatmiger Aktionismus.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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