Gorbatschow mahnt
Amerika sollte Rücksicht auf Russland nehmen
Man kann nur staunen: Seit Wochen füllen die meisten deutschen Zeitungen ihre Spalten mit Berichten über den Ehestreit Becker gegen Becker
täglich wird auch berichtet über die Vorgänge bei Big Brother und über Millionengewinne bei Quiz-Sendungen, aber kein Wort über ein kreatives, sehr nachdenkenswertes Ereignis.
Ein solches Ereignis war in der vorigen Woche der Brief, den Michail Gorbatschow an Präsident George W. Bush geschrieben hat und den die Washington Post veröffentlichte. Scharf in der Kritik, aber respektvoll im Ton, eindringlich, mit überzeugenden Argumenten, aber ohne Überheblichkeit, beschwört er den künftigen Präsidenten der siegreichen Supermacht, Maß zu halten: Jedermann wisse doch, welche Rolle Amerika in der Welt spielt, und akzeptiere dies, aber die gleiche Bereitschaft gelte nicht für den Hegemonialanspruch. "Darum hoffe ich, Mr. Bush, dass Sie alle Illusionen, das 21. Jahrhundert könnte ein amerikanisches Jahrhundert werden, aufgeben - Globalisierung ist notwendig, aber amerikanische Globalisierung wäre ein Fehler, schlimmer noch, es wäre eine Gefahr."
Die neue Realität - ob man es liebt oder nicht - hat Europa als neuen starken Spieler auf der Weltbühne installiert. Darum, so meint Gorbatschow, wäre es ein Fehler, Europa weiterhin als Juniorpartner anzusehen. Während der vergangenen zehn Jahre sei die Außenpolitik Amerikas die Politik des Siegers im Kalten Krieg gewesen, aber offenbar habe dort keiner begriffen, dass dies nicht der Ausgangspunkt für das Konzept der Nachkriegspolitik sein könne.
Tatsächlich, so resümiert der Briefschreiber, habe keine "Pazifizierung" stattgefunden
im Gegenteil hätten sich Spannungen und Feindseligkeiten erhöht, die zumeist gegen die Vereinigten Staaten gerichtet sind, weil die Supermacht auch ohne Kalten Krieg ihre damalige Praxis weiterverfolge.
Die Spannungen betreffen Amerikas Beziehungen zur westlichen Welt, wie man bei der Konferenz im Haag erleben konnte, und ebenso sein Verhältnis zu Russland, das sich während der letzten Jahre verschlechtert hat. Es sei doch erstaunlich, meint Gorbatschow, dass die Abrüstung in der letzten Phase des Kalten Krieges besser gelaufen sei als nach dessen Ende. Beweis: Das nationale amerikanische Anti-Raketensystem, das Gorbatschow (und mit ihm viele andere in Ost und West) "utterly extravagant" nennt.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren