Hast du mir was mitgebracht?
Heute: Christof Siemes, zurück aus Vilnius
Normalerweise ist das mit Bernstein ja so: Stundenlang schleicht man gebückt am Strand entlang, stochert mit klammen Fingern in den schwarzen Schmadderhäufchen an der Flutkante herum, hebt hundertmal winzige Bierflaschenscherben und Backsteinsplitter hoch, um beim hundertunderstenmal endlich ein Stückchen Bernstein zu finden, gerade groß genug, einen urzeitlichen Fliegenschiss, aber bestimmt keine ganze tertiäre Fliege zu umfangen. Mit so einem stumpfgelben Klümpchen gehärteten Harzes als Mitbringsel stünde man ziemlich schlecht da, und das erst in zweiter Linie wegen des schmerzenden Rückens.
In Vilnius ist das alles ganz anders. Zwar liegt die litauische Hauptstadt überhaupt nicht am Meer. Aber Bernsteine findet man hier in Hülle und Fülle.
Hochglanzpoliert und bis zu katzenkopfgroß, bequem in Hüfthöhe drapiert von zahllosen fliegenden Händlern (die auch gerne mal ein Plastikimitat unterschmuggeln), spektakulär inszeniert von zwei, drei seriösen Händlern, die ihren Laden gleich als Bernstein-Museum ausgeben.
Warum ist die südlichste der drei baltischen Republiken so eine Schatzkammer für den honigfarbenen Harz? Eine litauische Legende erzählt von der Meerprinzessin Jurate, in die sich der oberste, der Donnergott Perkunas verliebte. Doch Jurate hatte ihr Herz bereits dem Fischer Kastytis geschenkt, woraufhin Perkunas in einem Eifersuchtsanfall ihren untermeerischen Palast zerstörte. Die Trümmer oder - je nach Lesart - die Tränen, die Jurate ob des göttlichen Vandalismus vergoss, werden seither als Bernstein an die Strände rund um die Küstenstadt Klaipéda (das frühere Memel) gespült. Von hier gelangen sie zum Beispiel in die barocke Altstadt von Vilnius, in den Laden Amber (www.cci.lt/amber) oder in das Gintaro Muziejus in der Mykolo-Gasse Nummer 8. Unter Lupen, von Punktstrahlern schaurig-schön ausgeleuchtet, ruht der Succinit als roher Brocken, poliertes Herz oder kunstvoll geschnitzt als Schiff, Uhr, Schatzkästlein.
Was aber nehmen für die Lieben daheim, für das Bernsteinzimmer en miniature?
Denn nicht nur die menschengemachte Form, sondern auch die natürliche Farbe der Steine, die keine sind, changiert je nachdem, wo das urzeitliche Harz hintropfte: zwischen goldklar, urwaldgrün oder strandweiß. Außerdem ist es ja nicht jedermanns Sache, ein Millionen Jahre altes Gewürm an Hals oder Hand spazieren zu tragen. Meist regelt sich die Entscheidung über den Preis: Abgerechnet wird das extrem leichte Rohmaterial nach Gewicht, ein faustgroßer Klumpen von 20 Gramm kostet 700 Litas, rund 350 Mark, mit Fliegenflügel drin (Inklusionen heißen sie weniger brutal-organisch) darf's etwas mehr sein.
Die Träne der Jurate, die den Weg nach Hamburg fand, bringt drei Gramm und kein Spinnenbein auf die Waage. In ihr glitzert es nur ein bisschen, als schiene eine helle Sonne auf einen Strand 1000 Meter unter dem Meer.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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