Hoffmanns Erzählung
FOLGE 6 Geheimagent oder Flugzeugkapitän?
Gerhard war ein gutmütiger Mann. Jahrgang 1924, debil, stark und irgendwie vom Himmel vergessen. Er wohnte in einer Gartenkolonie bei einem schrägen Eigenbrötler, der sich Enten, Kaninchen und anderes Kleinvieh hielt. Dort reinigte er die Hasenställe, harkte das wenige Laub und freute sich über jede Abwechslung. Gern grub er für zehn Mark und ein Mittagessen den Vorgarten des Pfarrhauses um.
Ich besuchte noch die Grundschule, hatte also viel Zeit, saß auf der Mauer und schaute ihm zu. Während Gerhard schwitzend grub, erzählte er über sein Leben. Mal glaubte er Seefahrer gewesen zu sein, der um die Welt gesegelt war. Dass das nicht stimmte, konnte ich mir an fünf Fingern abzählen. In Spanien gibt es nämlich keine Löwen und an Afrikas Küsten keine Bären.
Spannender waren da schon seine Erlebnisse als Geheimagent oder Flugzeugkapitän, der immer Ärger mit den hübschen Stewardessen hatte. Gerhard lebte von einer Hand voll Träume. Eines Tages starb sein Pflegevater, und das Gartenhäuschen sollte abgerissen werden. Gerhard war jetzt haltlos und traurig.
Mein Vater suchte für ihn eine neue Bleibe. Ein ärztliches Gutachten wurde angefertigt: Gerhard T., geboren am 10.10. 1924, logisch fließende Gedankengänge, Hilfsbereitschaft, körperliche Leistungsfähigkeit, keine Wahnideen und kein Bettnässen, undeutliche Sprache durch Zahnmangel bedingt.
Übergangsweise zog Gerhard mit diesem Gutachten in ein Altenheim. Dort schob er gern Rollstühle mit alten Damen über die Gartenwege. Dabei machte er Geräusche wie Brummbrumm. Gerhard fuhr die Gestelle wie Schumi oder Häkkinen ihre Flitzer. Schnell wurde er aber vom Personal ausgebremst. Dann wollte er den Schwestern beim Baden der alten Damen helfen. Er könne sie schnell in die Wanne heben. Der Vorschlag löste wilde Empörung bei den Heimbewohnerinnen aus.
Im Pfarrhaus klagte er immer über die engen Grenzen seines neuen Heimes. Er wollte eine Aufgabe haben. Eine große diakonische Einrichtung erklärte sich bereit, Gerhard ein neues Zuhause zu geben.
Er war glücklich, denn dort traf er auf viele andere ehemalige Seefahrer, Geheimagenten und Flugzeugkapitäne. Zusammen waren sie stark und behütet.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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