Ich bin Kunstfreund
Ein Spezialist hat immer eine Aura. Er kann was, vom dem der Rest der Welt nichts versteht, er bewegt sich in Zusammenhängen, die dem Normalbürger fremd sind. Man respektiert, man bewundert ihn vielleicht sogar, wenn auch oft erst, nachdem man einen kleinen Einblick in seine Welt gewonnen hat. Und das gilt interessanterweise nicht nur für Mikrobiologen oder Raumfahrttechniker, sondern auch für den kleinen Spezialisten von der Straße. Zum Beispiel für den Museumswärter. Oder die Wärterin. Was macht so eine Aufsichtskraft den lieben langen Tag? Kann das nicht jeder? Ist das nicht bloßes Rumstehen?
Von wegen. Die Aufsichtspersonen haben eine komplexe Funktion: Sie bewachen die Exponate. Sie überwachen das Publikum. Sie erklären den orientierungslosen Besuchern die Ordnung des Museums und manchmal auch Motiv und Stil der Werke. Sie schützen Skulpturen vor dem Zugriff durch Unbefugte.
Sie putzen Vitrinen, Glasstürze und Konsolen. Sie konferieren über Funk mit der Videoüberwachungsanlage, sie stützen den guten Ruf ihrer Galerie. Sicher, es ist kein qualifizierter Beruf, den sie ausüben. Aber sie stehen in einem Zusammenhang, den der Normalbürger nicht kennt, und sie bewegen sich darin mit Stolz und Kompetenz. Einer sagt schlicht: Ich bin Kunstfreund.
Die blonde Frau Garnmann vom Dresdner Zwinger kennt ihre alten Meister genau.
Sie hat schon einen Rubens nachgekocht - die Zutaten fand sie auf einem Stillleben üppig aufgetürmt. Zwar hat der Beruf Schattenseiten
die Füße tun ihr weh vom vielen Stehen. Aber dafür hat sie Muße, die Füße der gemalten Helden und Heiligen zu studieren. Ihr Fazit: Die sind schön. Der junge Türke vom Kölner Museum Ludwig gesteht: Ich war noch nie im Museum. Jetzt arbeite ich hier. Man sieht viel. Man lernt viel. Und er freut sich, dass er in seiner schicken Kluft häufiger fotografiert wird als die Bilder. Herr Limmer von der Pinakothek München war dabei, als ein Irrer mit Säure auf die Werke losging: Ich hätt ihn niederschlagen können. Eine Dresdnerin ist von der Wurst zur Kunst gekommen - sie war Fleischverkäuferin gewesen, bevor der Zwinger sie abwarb und hielt. Viele sind in den Beruf so reingerutscht und drin hängengeblieben. Wegen der Kunst? Manche entwickeln wirklich Liebe zu den Bildern, alle einen Sinn für sie - und Toleranz. Auch Werke, die einem persönlich nicht gefallen, betont ein Aufseher, sollten genauso geschützt werden wie die anderen. Man muss für alles Verständnis haben.
Spezialistenportäts haben sich im Doku-Wesen als eigenes Genre etabliert, und sie erschließen dem Zuschauer Perspektiven, die ihm sonst fremd blieben - was Privileg und Stärke des dokumentarischen Fernsehens ist. Mit Distanz und Einfühlung, mit Humor und Zartsinn haben die Filmemacher Pavel Schnabel und Andreas Schümchen den Alltag der Museumswächter nachgezeichnet und dabei die Aura dieser ganz speziellen Spezialisten filmisch neu erschaffen.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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