Ideen statt Ideologie
Die Wirtschaftswissenschaft muss sich ändern
Die Ökonomie ist als Berater für die Politik nicht mehr gefragt! Ökonomen beschäftigen sich zu sehr mit formalen Fragen! Die Ökonomie wird zur Unterabteilung der angewandten Mathematik! Solche und ähnliche Vorwürfe gegen die Wirtschaftswissenschaften werden seit einiger Zeit verstärkt erhoben.
Zuletzt und an dieser Stelle von dem Zürcher Ökonomen Bruno S. Frey (ZEIT Nr. 50/00). Dieser fordert, um wieder mehr Akzeptanz zu finden, sollten sich die Ökonomen mit drängenden Problemen der Gegenwart beschäftigen.
Ob das die Lösung ist? Viele Ökonomen beschäftigen sich mit drängenden Fragen der Gegenwart: Arbeitsmarkt- und Steuerpolitik, Umbau der Sozial- und Rentenversicherungen, Währungsfragen und internationale Handelspolitik.
Darüber diskutieren sie anschaulich und keineswegs nur formal in Beiräten und Kommissionen, geben Interviews oder schreiben Artikel. Das Problem liegt deshalb nicht in der mangelnden Präsenz und Kommunikationsbereitschaft der Ökonomen, sondern im Stil des ökonomischen Denkens selbst.
Denn unter den Ökonomen besteht bei allen Meinungsverschiedenheiten ein Grundkonsens: der Glaube an die Überlegenheit des Marktes gegenüber dem Staat. Ein Politiker, der einen Wirtschaftswissenschaftler zur Wirtschaftspolitik befragt, erhält daher in aller Regel die Antwort: mehr Privatisierung, mehr Deregulierung, mehr Markt, weniger Staat!
Politiker sind aber nun einmal Staatsmänner. Es ist für sie systematisch enttäuschend, sich von Ökonomen beraten zu lassen, weil Ökonomen der Politik systematisch zu viel Intervention, Fehlsteuerung, Ineffizienz und Ähnliches vorhalten. Im Grunde ist wirtschaftswissenschaftliche Beratung ein subtiler Angriff auf die Existenz von Politik. Da ist es nicht verwunderlich, wenn diese auf solcherart Beratung gerne verzichtet.
Wer glaubt, dass sei ein psychologisches Problem eitler Politiker, täuscht sich. Es geht um ein systematisches Missverständnis. Der ökonomische Grundgedanke, der Markt sei effizienter als die Politik, mag theoretisch richtig sein. In der politischen Praxis aber ist er unangemessen. Denn die theoretische Einsicht vergisst, dass die Politik ein Faktum ist, das sich nicht minimieren lässt. Sie ist qua demokratische Verfassung, als Demokratie ein notwendiger Bestandteil zivilisierter Wirtschaftsgesellschaften.
In solchen Gesellschaften gibt es keine reinen Märkte: Sie sind alle durchsetzt mit Institutionen und Regularien, und zwar vielfältiger, als es Ökonomen ahnen, die nur die reine Theorie lernen. Deswegen bekommt die moderne Institutionentheorie innerhalb der Ökonomie zunehmend Bedeutung.
Dieser Ansatz hat die Illusion aufgegeben, es existierte eine einzige Form der idealen Marktorganisation, ein ideales Effizienzregime. Er basiert auf der Ansicht, jede Transaktion, das heißt jedes Handeln im wirtschaftlichen Raum, aber auch jede Interaktion von wirtschaftlicher und politischer Sphäre, generiere Transaktionskosten - und um diese zu senken, brauche man Institutionen, Regeln, Regulierung.
Es kommt also darauf an, staatliche Eingriffe nicht per se zu verdammen, sondern darüber nachzudenken, welche staatlichen Eingriffe zweckmäßiger sind als andere. Ob möglicherweise sogar mehr Politik, mehr Staat sinnvoller ist als weniger. Diese unvoreingenommene Annäherung an politische Fragen hat natürlich Konsequenzen für die Grundüberzeugung der Ökonomen: Sie müssen das Ideal der maximalen Effizienz politikfreier Märkte aufgeben. Wir Wirtschaftswissenschaftler müssen unsere Adam-Smith-Ideologie über Bord werfen und von vornherein davon ausgehen, dass Politik eine notwendige Instanz in der Wirtschaft darstellt, weil wir eine demokratische Verfassung haben. Nur Despoten können eine interventionsfreie Wirtschaft verlangen - denn das hieße, die Bürger hätten keine Einspruchsrechte mehr.
Ökonomen, die sich dieser Einsicht öffnen, werden automatisch beginnen, sich in der Grundfrage Markt oder Staat, in der sie scheinbar alle übereinstimmen, zu differenzieren. Denn dann geht es nicht mehr um die Durchsetzung der einen immer gültigen Lösung, eben des reinen Marktregimes. Sondern um jeweils spezifische, situational und historisch unterschiedliche Wettbewerb-Kooperations-Lösungen (co-opetition) selbst innerhalb der Märkte, nicht nur an den Schnittstellen von Wirtschaft und Politik.
Wir Ökonomen haben aber noch ein Problem: Wir müssen aufhören, auf die Fragen von Politikern rein ökonomisch zu antworten. Althergebracht hält man das für fachmännisch. Nur sind die Fragen der Politik nicht so sauber sortiert wie die Antworten der Ökonomen. Stattdessen stehen sie im Kontext vieler anderer Probleme, die parallel analysiert werden müssen: juristischer, rein politischer, soziologischer, kommunikativer und anderer Fragen.
Ökonomen denken diese Zusammenhänge nicht mit. Sie leben methodisch in einer Isolation, auf die sie sogar noch stolz sind. Das ist wissenschaftsstrategisch fatal, weil die Fragen der Politik komplexer sind als die - dann unterkomplexen - Antworten einer so betriebenen Ökonomie. Die Öffnung ökonomischen Denkens für andere Disziplinen ist deshalb ebenfalls entscheidend für die gesellschaftliche Relevanz der Ökonomie. Möglicherweise müssen Ökonomen in Teams mit anderen Wissenschaften zusammen antworten.
Eine Ökonomie, die sich auf rein ökonomische Zusammenhänge beschränkt, ist eine verarmte Ökonomie. Wir müssen uns also nicht nur von der Marktideologie verabschieden, sondern brauchen auch eine neue Art, ökonomisch reichhaltiger zu denken.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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