Kuh im Kopf
Nebenwirkungen von BSE
Zu den Nebenwirkungen von BSE gehört auch, dass nun manchmal wieder jemand von Boccaccios Dekameron erzählt. Die Angst vor Epidemien macht neugierig und sicherheitsbedürftig zugleich. Auch Angst ist historisch, was haben unsere Vorgänger aus ihr gemacht? Über uns wissen wir allerhand Ungesichertes und Widerwärtiges: Einer Hand voll Rinder zerfrisst eine Krankheit das Gehirn, Deutsche essen im Schnitt pro Kopf etwa 65 Kilo Fleisch im Jahr, in der Zeitung steht, wie tote Kälber vor dem Zerschreddern maschinell aufgeblasen werden, damit man sie leichter häuten kann, Tiermehl kann man neuerdings in Treibstoff verwandeln. Was den Menschen tatsächlich droht, weiß keiner. Boccaccio hingegen schreibt vor fast 700 Jahren von einer wahrhaften Seuche, die dafür sorgt, dass aus einer Gesellschaft eine neue wird, weil das allgegenwärtige Sterben Machtverhältnisse und Gewohnheiten außer Kraft setzt.
Florenz 1348, die Pest verwüstet die Stadt. Der Novellenkranz beginnt mit der Erzählung, wie der Schwarze Tod das Vertrauen in die Institutionen kollabieren lässt. "In der also verheerenden Not unserer Stadt war das ehrwürdige Ansehen der Gesetze, der göttlichen wie der menschlichen, schier völlig gesunken und vernichtet." Viele feiern Feste auf Friedhöfen, manche lassen ihre Verwandten bis zuletzt nicht im Stich, die Juden sollen für die Katastrophe verantwortlich sein, wer noch lebt, profitiert vom Sterben der anderen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung der Sterblichkeit erzählt Boccaccio in seinen hundert Geschichten von der Kultivierung der Freude zu leben.
Und das Neue, das an die Stelle der alten Ordnung trat? Ein kleines Buch, gerade neu aufgelegt wie die Seuchenangst (Der schwarze Tod und die Verwandlung Europas von David Herlihy) zeigt, wie aus dem mittelalterlichen Europa durch die Pest ein moderneres wurde. Weil Zunftmeister dahinstarben und die Universitäten sich leerten, wurde das tradierte Wissen schwach, die Gesellschaft erhielt ein neues Gefüge. Höhere Löhne für knappe Arbeitskräfte hoben den Lebensstandard, arbeitsparende Technologien mussten her, Eltern kümmerten sich sorgfältiger um Nachwuchs und Erbe, das Christentum als Volkskultur breitete sich aus.
Das ist Historie, und die Thesen des Büchleins sind zudem umstritten. Doch es kann, wie das Dekameron, einer Krisengesellschaft den Streit darüber ans Herz legen, wie sie künftig leben will. Die Toten würden respektlos behandelt wie Vieh, hieß es in Pestzeiten. Es ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Vieh, die heute die Frage nach dem Respekt vor dem Menschen aufwirft. Und die nach der Kunst zu leben.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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