Kunst der Ordnung
Wie ein betrunkener Tourist soll der Fotograf Otto Steinert nächtens auf einer Balustrade nahe den Champs-Elysées herumgeturnt sein, um die urbane Realität durch rhythmische Bewegungen in ein abstraktes Lichterspiel auf fotografischem Papier zu überführen. Technische Raffinessen, chemische Experimente, perspektivische Verfremdungen oder aleatorisches Kalkül: Die Methoden der Fotografen im Umgang mit ihrem Medium waren immer sehr "elastisch", um auch das letzte bisschen Abbildungscharakter aus dem Bild zu verbannen und es so als autonom zu veredeln. Die zweihundert Ergebnisse abstrakter Fotografie, die in der Kunsthalle Bielefeld (bis 18. Februar 2001) zu sehen sind, geben etwas davon wieder. Letztlich erscheint die Fotografie hier aber vor allem als eine Kunst der Ordnung. Mit kompositioneller Systematik werden strenge Strukturen analysiert oder im Spiel von Schatten und Licht synthetisiert - nicht von ungefähr polemisierte oben genannter Steinert gegen solche Tendenzen als "Strukturitis" an. Ob als Hommage an die ewige Natur, die großen Städte oder die kleinen Dinge - eine Reflexion über das Medium und seine Möglichkeiten stellen die Dokumente aus über 100 Jahren Fotografiegeschichte allemal dar. Doch jenseits der bekannten Inkunabeln von Muybridge, Moholy-Nagy oder Man Ray bleiben sie allzu häufig ein montones Stück Papier. Denn sie sind vor allem eines: menschenleer. Dankbar erahnt man manchmal noch die Spur einer menschlichen Kreatur - nicht nur als versteckten Arrangeur, sondern als eigentlichen Akteur. "Es sind immer Menschen, die sich Bilder anschauen. Es kommt gewöhnlich nicht vor, dass sich Rot und Blau Nr. 3 Blau und Braun Nr. 4 anschaut", so hat einmal ein anderer Fotokünstler, nämlich David Hockney, voller Witz und Weisheit über die Abstraktion und ihre Defizite gesagt. Die direkte Gegenüberstellung mit dem Konkurrenzmedium Malerei hätte die Ausstellung vielleicht spannender gemacht. Dem systematisch-wissenschaftlichen Anspruch genügt der Katalog (32,- DM). Und zwar umfassend. Und die Konsequenz? Das Projekt ist ehrenwert - doch leider naturgemäß ohne einen Unterhaltungswert.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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