Liszt und Tücke

Claude Chabrol verabreicht "Süßes Gift"

Wie spielt man die Funérailles von Liszt? Besonders jene ersten Noten, nach denen ein Pianist so furchtbar allein sein kann, weil er nur mit den ersten beiden Anschlägen schon so viel über seine Auffassung des Werkes verraten musste, dass mit noch so viel Virtuosität nichts mehr gutzumachen wäre. Gewiss spielt man die Funérailles nicht wie einen Trauermarsch, jedenfalls nicht vordergründig. Ansonsten kommt alles darauf an, wie beherzt man die Finger von den Tasten reißt, um dort einen Ton abzubrechen, wo er schon tief in der Seele des Zuhörers verhakt ist und nach seiner abrupten Verweigerung weiterwirkt, wie ein Phantomschmerz süßer Trauer. Ja, so könnte man die Funérailles spielen, wenn man den Mut dazu hat.

In Claude Chabrols 52. Film sehen wir ziemlich lange zwei Menschen zu, die vielleicht Vater und Tochter sind, es wahrscheinlich aber nur gern wären, die gemeinsam die Funérailles einstudieren und dabei immer glücklicher werden, obwohl sich um sie herum ein Verhängnis abzeichnet, von dem beide wissen, wenn auch auf verschiedene Weise. Und wie die beiden und ihre Zuschauer sehen, kämpfend und liebend um die Partitur, so arbeiten auch Chabrols Schauspieler, Isabelle Huppert, Jacques Dutronc, Anna Mouglalis, Rodolphe Pauly. Ihre "Rollen", die in ihren Familien und die im Drehbuch, sind jene Partituren, denen man erst durch die Akzentuierung, durch den Anschlag Leben verleiht.

Anzeige

Andererseits handelt Chabrols Film Süßes Gift von Schokolade. Weshalb er im Original auch viel süßer und giftiger Merci pour le chocolat betitelt ist.

Schokolade als bürgerliches Genussmittel, das eine Schweizer Familie reich gemacht hat und das zugleich rituell als innerfamiliäres Trostmittel verabreicht wird. Die schöne Marie-Claire Muller, in der Familie Mika genannt, führt in Lausanne die Schokoladenfabrik ihres verstorbenen Vaters.

Verheiratet ist sie mit dem Pianisten André Polonski. Zusammen mit Andrés Sohn Guillaume bildet man eine Familie.

Da gibt es eine alte Geschichte, nicht der Rede wert eigentlich. Die junge Musikerin Jeanne erfährt, dass sie nach ihrer Geburt im Krankenhaus kurz mit dem Kind des berühmten Polonski verwechselt worden war. Gegen den Widerstand ihrer Mutter macht sie sich auf ins Haus des großen Künstlers. Schließlich könnte es ja doch sein, dass sich die musikalische Begabung nicht durch Zufall entwickelte. So kommt sie in die andere Familie, als Suchende, als Detektivin. Dass da etwas nicht stimmt, hat sie rasch herausgefunden. In der Schokolade, die Mika ihrem Stiefsohn kredenzen wollte, findet sie Spuren von Gift. Aber vielleicht geht ja auch Jeanne in ihrer merkwürdigen Suche nach dem vermeintlichen Vater zu weit und träumt sich an eine böse Stiefmutter heran. Derweil offeriert Polonski der jungen Frau Piano-Lektionen.

Und dabei gibt uns Monsieur Chabrol, während sich hinten das Unheil in Form eines sehr kranken Gemüts in einer kranken Familie abzeichnet und sich vorn zwei offensichtlich verwandte Seelen in einem schönen Trauerreigen finden, auch eine Lektion in Sachen Kino. Die Melodie ist nichts und wenig ihre Variation. Es kommt darauf an, wie man die Akzente setzt. Ob man sich etwa traut, einen Ton so abrupt enden zu lassen, dass er als große Frage in den Köpfen der Zuhörer (und Zuschauer) bleibt

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service