Niedere Wiesen

So einig im Unkritischsein waren sich Polens Literaturkritiker seit langem nicht mehr. Ein Sturm der Begeisterung fegte wochenlang durch den Blätterwald, als gelte es, die höchste Offenbarung der modernen polnischen Literatur zu feiern. Der Rezensent des Wochenmagazins Polityka schäumte geradezu vor Enthusiasmus: "Ein effektvolles, schwungvoll geschriebenes Generationenporträt", "perfekt konstruiert", "ein sehr wichtiger und zweifellos außergewöhnlich scharfsinniger Erstling". Das Konkurrenzblatt Wprost meinte gar, der Autor habe eine neue literarische Gattung kreiert: den kapitalistischen Realismus, was immer das sein mag. Gazeta Wyborcza, das größte Tageblatt des Landes, glaubte einen Roman vom "ungewöhnlichen erzählerischen Schwung und Scharfsinn" ausgemacht zu haben. Sogar die sehr auf Seriosität bedachte Zeitung Rzeczpospolita ließ sich zu der Feststellung hinreißen, es handle sich "ganz sicher um eines der herausragendsten Werke des vergehenden Jahrzehnts".

Erschaffen hat das viel gelobte Prosa-Erzeugnis ein Nobody. Piotr Siemion, Jahrgang 1961, wohnhaft in New York, verkörpert den erfolgreichen Selfmademan mit vielerlei Begabungen: Anglistikstudent in WrocIaw/Breslau, 1988 Flucht in die USA, hart verdientes Jurastudium an der renommierten New Yorker Columbia-Universität, hoch bezahlter Anwalt in einer angesehenen Wall-Street-Kanzlei, aufgefallen in Polen bisher nur einem Häuflein literarisch Interessierter als Übersetzer des Romans Die Versteigerung von No. 49 von Thomas Pynchon. Nun stellen ihm Reporter bunter Unterhaltungsmagazine und Scharen huldigender FeuilletonredakteurInnen nach, um Interviewfragen loszuwerden wie "Sie sind inzwischen sicher der gefragteste Schriftsteller dieses Landes?" und Antworten zu bekommen, die vom Selbstbewusstsein des Stars zeugen: "Ich werde Amerika beweisen, dass man alles haben kann."

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Siemions Buch heißt Niskie Iaki - Niedere Wiesen (und nun auf Deutsch Picknick am Ende der Nacht, Verlag Volk & Welt). Diesen Namen führt seit dem Krieg sowohl die ehemalige Hollandwiesen-Straße als auch ihre Umgebung, die im einst deutschen Breslau Ohlewiesen genannt wurde. Es ist eine wenig ansprechende Gegend: verwilderte Schrebergärten, Schuppen, Barracken, viel mehr kann es dort nicht geben, denn zu groß ist das Überschwemmungsrisiko, wenn Ohle oder Oder im Frühjahr anschwellen. In dieser Umgegend tummeln sich 1983 Gipson, Carlos, Dyzio, die verdrehte Lidka und ein echter Engländer, der nach WrocIaw kam, um Theater zu machen, und durch einen Zufall, ohne ein Wort Polnisch zu sprechen, zu der Jugend-Clique stieß.

Nichts als ein Nachweis verlängerter Pubertät

Es ist die Zeit nach der Verhängung des Kriegsrechts und dem Verbot von Solidarnoc im kommunistischen Polen, als alle Hoffnungen auf mehr Freiheit für lange begraben zu sein schienen. Abgeschreckt vom Einerlei des Realsozialismus, genervt von leeren Gesten und Phrasen der "erwachsenen" Opposition, angewidert vom Nischendasein ihrer ewig nach allem anstehenden Eltern, flüchten sich diese Jugendlichen in die Verweigerung. Zynismus, Spott, das Leben als Happening, viel Alkohol, keine Regeln, keine Ideale, nur manchmal eine Regung der Solidarität, wenn es gilt, anderen aus der Clique aus der Patsche zu helfen.

Zwei, drei Jahre später finden sie sich alle in den Staaten wieder, wo jeder für sich ums Überleben kämpft. Man könnte sagen, sie führen ein Rattendasein in der Kloake der schlimmsten New Yorker Stadtteile. Saufen, Huren, Rülpsen, Kotzen, im Suff labern, in den Tag hineinleben, die Häufung der Schilderungen solcher Zustände stellt die Geduld des Lesers auf die Probe. All das endet abrupt mit dem Ende des Kommunismus in Polen. Die verdorbenen Söhne und Töchter kommen zurück und verwandeln sich in Piranhas des Graswurzelkapitalismus. Sie sind die Sieger der Wende - und nicht jene Dummerjane, die den Kopf hingehalten haben.

Polityka jubelte: "Siemion ist ein wahrlich schwieriges Kunststück gelungen: Er schuf eine Generationen-Saga, die am vollständigsten die Erfahrungen und Stimmungen von Polen wiedergibt, die Anfang der Sechziger geboren wurden."

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