Ohne Hitler kein Israel?

Der Nahostkonflikt ist keine Folge von Europas ethno-religiöser Tragödie. Eine Antwort auf Freimut Duve

Lässt sich der Jahrhundertkonflikt zwischen Israelis und Arabern noch bändigen, bevor es zu einer ganz großen Katastrophe kommt? Konzepte gibt es viele und viele wohlfeile, halbwegs realistische und rührend idealistische, kurzsichtige und weitsichtige. Manche allerdings haben den Mangel, unter ihrer Weitsichtigkeit zu leiden, vergleichbar jenem Rabbi, von dem im alten Polen die orthodoxen Chassidim erzählen. Dieser Rabbi habe geweint und gerufen: "Lemberg brennt." Ein anderer habe das bestritten: "Ich komme gerade aus Lemberg, da brennt nichts." Darauf der Erste, unerschüttert: "Das ist nicht wichtig, wichtig ist allein der weite Blick."

Von diesem Mann könnte Freimut Duve, der Medienbeauftragte der KSZE, gelernt haben, bevor er seinen langen Beitrag zur Lösung des Nahostkonfliktes in der ZEIT (Nr. 50/00) schrieb. Duves Quintessenz ist eine Art Aufruf an die Konfliktparteien: Lasst ab von eurem Hass, schafft eine Zivilgesellschaft gleichberechtigter Bürger! Hört endlich auf, einen homogenen, also jüdischen, respektive arabischen Staat zu wollen! Sonst? Was sonst passieren könnte, deutet der Autor nur an: "Europa kann Staaten mit völkischer Bürgerdefinition im 21. Jahrhundert nicht dulden." Vermutlich meint Duve nicht, dass Europa (und die Nato) im Nahen Osten intervenieren könnte wie in Exjugoslawien, obschon er einen Bezug zu dieser Intervention, die er engagiert befürwortete, durchaus herstellt und damit gegen seine eigene Argumentation anschreibt.

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Denn die Nato hat auf dem Balkan zwar - hoffentlich - den Frieden herbeigebombt, aber den inhomogenen Vielvölkerstaat Jugoslawien ja gerade nicht erhalten. Sie hat vielmehr gleich eine ganze Reihe weitgehend homogener Nationalstaaten, die der Slowenen, Kroaten, Mazedonier, Serben, stabilisiert.

Und den Hass zwischen den dortigen Völkern hat sie schon gar nicht beseitigt.

Wie sollte sie auch?

Auf dem Balkan wollen Völker, die einander zum Teil dasselbe Gebiet streitig machen, endlich ihren späten Traum vom Nationalstaat verwirklichen. Kann man ihnen das verargen? Ähnlich ist es, nur viel dramatischer, in Nahost. Zwei verspätete Nationalbewegungen, die zionistische und die palästinensische, beanspruchen dasselbe Territorium. Schon das macht den Konflikt so erbittert und die Hoffnung auf Frieden so illusorisch. Denn Territorium ist nicht vermehrbar.

Duves Forderungen nach einer "Zivilgesellschaft" sind naiv

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