SACHBUCH
Martin Compart: Noir 2000. Ein Reader, DuMont Noir 22, Köln 2000 432 S., 29,80 DM.
Noir, so begreift man bei der Lektüre von Comparts Kompendium krimineller Schwarzsicht, ist eine Haltung und kein Genre. Poe und Kafka sind die Ahnen von Jean Pierre Melville, Jim Thompson und David Goodis die Literatur vom "Bankrott des Denkens" (Boileau/Narcejac) schweift weit über den Krimi hinaus und hat doch dort ihre originäre Heimstätte. So glänzend Noires wie Comparts Reportage über die Gangster-Zwillinge Kray aus dem Londoner Eastend, die Essays über amerikanische und englische Noir-Filme oder über Ulf Miehe hat man, ob Fan oder nur Freund, selten gelesen und niemals so düster geballt.
Friederike Schmidt-Möbus u. a. (Hrsg.): Ringelnatz! Ein Dichter malt seine Welt, Wallstein Verlag, Göttingen 2000, 310 S., Abb. 49,- DM.
Er besaß nicht nur eine, mit vielen Doppelnaturen zugleich jonglierte der kleine Mann aus Wurzen. Als Kabarettist und Surrealist, als See-, Wanders- und Klabautermann, als Dichter sowieso kennen wir Joachim Ringelnatz - und immer noch zu wenig. Das zeigt der wunderbar kenntnisreiche Bild- und Textband zu einer Ausstellung mit den Werken des Karikaturisten, Zeichners und Malers, der als Hans Bötticher geboren wurde, aber der Welt gerne auch als Johanna Bötticher oder Kuttel Daddeldu gegenübertrat. Wie sein Reh aus Gips schien er nicht, was er war, und war, was er nicht schien. Als Maler ebenso verquer und doppelpunktgenau wie als Dichter, malte er Geballte Nebel und nannte grimassierende Wellen Seemannsgedanken beim Ersaufen. Er kannte jede Art von Flucht, auch die nach vorn: Rennfahrer, zwei rote Phantome hinter sich lassend.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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