Schlittenfahrers Beutefantasie
Weihnachten gehört Papi der Familie. Unter diesem Motto feierten die Schröders das (russisch-orthodoxe) Weihnachtsfest mit den Putins in Moskau, begossen den Geburtstag von Frau Ludmilla auf der Datscha, besuchten das Bolschoi-Ballett und fuhren auf einem von drei Pferden gezogenen Schlitten, die Damen dabei in frischem Wasserstoffsuperoxidblond, froh grüßend durch das verschneite Land. Wohin? Zum Museumsdorf Kolomenskoje, in dem ein Häuschen des Zaren Peters des Großen besichtigt wurde. War es dort, wo Gerhard Schröder sich gut gelaunt zum endlos vertanen Thema Beutekunst äußerte? "In nicht allzu ferner Zeit", so sagte er laut dpa jedenfalls auf dieser Winterreise, "kommen wir zur beiderseitigen Zufriedenheit zu fantasievollen Lösungen." Und der schlaue Putin, Regisseur des Weihnachtsmärchens für Erwachsene, fügte hinzu: "Im Rahmen der Gesetze beider Länder ist das möglich." Dass in Russland die Gesetze in Sachen Beutekunst 1997 so geändert wurden, dass sie sowohl der Haager Konvention wie auch den 1990 getroffenen und 1992 bestätigten deutsch-russischen Verträgen widersprechen, scheint die durch die Expo-Defizite gut trainierte Fantasie von Gerhard Schröder nicht zu irritieren. Anders Werner Schmidt, der frühere Generaldirektor der Dresdner Staatsgemäldesammlungen, der jetzt von seinem Amt als Vorsitzender der Fachgruppe Museen und Kunstsammlungen bei der deutsch-russischen Regierungskommission zurückgetreten ist. Zu Recht beklagt Schmidt, der in seiner Amtszeit während der Ära Chruschtschow die Rückgabe der Kunstschätze an Dresden erlebte, das konzeptionslose Verhalten der Bundesregierungen, die einerseits auf die Verletzung der Verträge und des internationalen Rechts nicht reagiert haben, andererseits kleinste Teilaktionen wie die Rückführung einer Bremer Kollektion aus der deutschen Botschaft in Moskau zum Auftritt machen. Fantasievolle Lösungen? Wie wäre es, wenn Schröder für die nächste Beutekunstverhandlung John Le Carré als Berater einlädt. Zum Beispiel an Pfingsten, en famille.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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