Schreib's auf, Doc

Pauschalreise, Pauschalurteil, Kilometerpauschale, ..., oh wunderbare Welt des Einfachen. Mit dem Taxi, dem Auto, der U-Bahn zur Arbeit gefahren oder gar zu Fuß gegangen? Alles egal, gibt sowieso nur noch einen Tarif. Manchmal erhört die Politik eben doch unser Flehen nach einer übersichtlicheren Welt und erlöst uns von allen Übeln des differenzierten Denkens. Nicht so in der Medizin. Derzeit sitzen die armen Kollegen zitternd in ihren Krankenhäusern und erwarten die größte politische Differenzierungsoffensive seit Erfindung der absatzfähigen Werbungskosten, und das kam so:

Vor 14 Jahren schlich sich auf leisen Sohlen die Internationale Klassifikation der Krankheiten, englisch kurz ICD, ins Krankenhaus. Kassen und Politiker wollten wissen, welche und wie viele Leiden eigentlich behandelt wurden. Fortan mussten Ärzte jeder Diagnose eine dreistellige Zahl zuordnen. Doch dabei blieb es nicht. Bald existierte der ICD-Katalog in der Revision 9 (5600 Posten). Anfang vergangenen Jahres wurde er durch die üppige Revision 10 (rund 9000 Posten) ersetzt, und mit dem neuen Jahr gilt die Modifikation SGBV Version 2.0. Die Ärzte murren, aber fügen sich. Schließlich muss jeder Facharzt aus seinem Gebiet nur bis zu 80 Zahlenkürzel im Kopf behalten - für jemanden, der gewohnt ist, Anatomieatlanten auswendig zu lernen, ein Klacks.

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Aber die Falle schnappt zu. In drei Jahren nämlich sollen alle Krankenhäuser für die Behandlung eines Leidens nur noch eine Pauschale erhalten. Wie jedes Unternehmen muss das Hospital nicht nur wissen, was behandelt wurde, sondern wie schwer das Leiden war und mit welchem Arbeitseinsatz es kuriert wurde.

Vielleicht litt Otto Mayer ja nicht nur an Asthma (Ziffer J45.0), sondern zusätzlich an schwerem Fußpilz (B35.2) und einer Harnwegsinfektion (N39.0).

Ein hübsches Bündel Diagnosen, das Bares bringt. Damit auch die Handarbeit vom Legen eines Katheters bis zur Gewebeentnahme finanziell gewürdigt werden kann, rollt auf die Internisten - die Chirurgen kennen das schon - ab 2003 die ICPM, die Internationale Klassifikation der Prozeduren in der Medizin zu.

Einige Häuser beginnen schon jetzt mit allen Finessen zu verschlüsseln, was das Zeug hält. Dabei steigen sie bis in die Abgründe der Fußnoten: "Es handelt sich um einen Stern-Kode, der eine Kombination mit einem führenden Kreuz-Kode benötigt", heißt es da feinsinnig.

In Zukunft werden subtile Schlüssel-Kenntnisse die Schlüsselqualifikation des Arztes sein. Denn was nutzt die perfekteste Gewebeentnahme - die etwas mehr Zeit beansprucht -, wenn einer schludrig Ziffern aufschreibt und das Krankenhaus viel Geld kostet. Eigentlich möchten die deutschen Doctores aber doch lieber therapieren als skribieren. In Australien und den USA, woher die Methode stammt, hat man die Ärzte von dem Frondienst bereits entbunden. Dort führen record officers die Bücher - ein schlecht bezahlter Hilfsjob.

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