Spinnenseide und Forellenschwein
Ein paar gute Vorsätze zum neuen Jahr: Nicht alles glauben, was Bauernfunktionäre erzählen! Und: Gummikäse aus der Fabrik boykottieren!
Die Tierwelt ist wunderbar und scheu. Nicht selten ist sie essbar und wird darum verfolgt.
Zu den gefährdeten Arten gehören die Rohmilchkäse. Sie sind nicht so putzig wie Pandabären und nicht so majestätisch wie Tiger. Aber sie haben einen Feind, der gefährlicher ist als hungrige Gourmets. Das sind die vereinigten Bürokraten der USA und der Europäischen Union. Diese dienen den Interessen der großen Nahrungsmittelkonzerne hartnäckig und skrupellos.
Es ist in unserer Zeit offenbar nicht mehr möglich, ein handgemachtes, individuelles Produkt anzubieten, wenn es den Herstellern von konfektionierten Fließbandprodukten nicht in den Kram passt. So genannte Gesundheitsbehörden bescheinigen beflissen seine Gefährlichkeit und fordern ein weltweites Verbot. Die Welt, das ist für sie die Einflusssphäre von Unilever, Nestlé und anderen Herstellern von Gummikäsen. Diese notorischen Qualitätsvernichter haben sich verschworen, dem Rohmilchkäse den Garaus zu machen.
Der Grund ist plausibel: Es soll nichts existieren, was die Minderwertigkeit ihrer Produkte bloßstellt. Und ein paar zusätzliche Euros sind auch zu verdienen, wenn ihr Marktanteil um einige (wenige) Prozente steigt.
Wir haben es hier mit einer der finstersten Seiten der Globalisierung zu tun: unter dem heuchlerischen Vorwand der Hygiene betriebene Gleichmacherei. Der gleiche missionarische Hass, mit dem die katholische Kirche einst die heidnischen Kulturen in Mittel- und Südamerika vernichtet hat, richtet sich (unter puritanischem Vorzeichen) diesmal gegen unsere Esskultur.
Qualitätsbewusste Konsumenten und praktizierende Feinschmecker haben nur eine Möglichkeit des Protests. Es ist der Boykott.
Boykottieren wir doch die faden Gummikäse aus den Fabriken! Und wenn das nicht genügt, auch andere Produkte der puritanischen Länder. Wir müssen es nur laut genug sagen, damit sie es auch hören in London, Kopenhagen, Washington und wo überall die Heckenschützen sitzen und kontinentaleuropäische Qualitätsprodukte aufs Korn nehmen.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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