Stahl - schwer wie Blei
Die Strategie von Thyssen-Krupp scheitert an der Börsenverfassung
Der Vorstand von Thyssen-Krupp nimmt schlechte Nachrichten mittlerweile gelassen. Denn im vergangenen Jahr gab es so viele davon, dass es jetzt eigentlich nur noch besser werden kann: Ende 2000 waren der Aktienkurs abgestürzt, der Börsengang der Stahlsparte geplatzt und der Umbau des Konzerns in weite Ferne gerückt. Thyssen-Krupp drücken Schulden in Höhe von sieben Milliarden Euro.
Am liebsten hätte Vorstandschef Gerhard Cromme im Frühjahr 2000 die Autotechnik-Sparte Atecs von Mannesmann für 8,75 Milliarden Euro gekauft. Das nötige Kleingeld sollte der Börsengang des Stahlgeschäfts sowie der Verkauf von Werften bringen. Doch die Börse machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Mitte Mai rutschte der Kurs des Mutterunternehmens binnen weniger Tage von über 25 Euro auf unter 18 Euro. "Thyssen-Krupp hatte einfach das Pech, dass die Anleger frühzeitig den Gipfel des Stahlzyklus vorwegnahmen und im Mai mit den sinkenden amerikanischen Stahlpreisen dann das Ende des Konjunkturzyklus in die Aktienkurse der Stahlkonzerne einpreisten", erklärt Jürgen Warfsmann von der Münchner HypoVereinsbank. Der Grund: Die Aktienkurse der Branche hängen stark von den Preisen für Stahlprodukte ab. Denn wegen der zumeist starren Kostenstruktur werden die operativen Gewinne der Konzerne fast nur von der Absatzsituation bestimmt. Sinkt der Preis für Rohstahl, sinken die Aktienkurse.
"Durch die umfangreiche Fusion der Konzerne Thyssen und Krupp-Hoesch, verzögerte sich der Börsengang der Stahlsparte", sagt Jürgen Warfsmann. Als der Börsengang schließlich bevorstand, hätten die Erlöse noch nicht einmal den Buchwert der Stahlsparte ergeben - man sagte das Unternehmen lieber ab, als Geld zu verschenken. Jetzt hängt die Zukunft von Thyssen-Krupp wieder am Stahl. Der Kauf der Atecs ist nach Ansicht von Werner Braun, Analyst beim Bankhaus Reuschel, an der zu kurzen finanziellen Decke von Thyssen-Krupp gescheitert. "Als Siemens-Bosch mit 9,6 Milliarden Euro für Atecs einen strategischen Preis zahlte, konnte Thyssen-Krupp angesichts seiner ohnehin schon hohen Verschuldung nicht mehr mithalten", ergänzt Braun.
Eine neue Konzernstruktur soll es nun richten. Dabei ist sie der alten nicht unähnlich: Neben dem Segment Stahl gibt es die beiden Bereiche Dienstleistungen und Industriegüter, hinter dem sich Automobilzulieferung, Aufzüge sowie Maschinenbau und Werften verstecken. An der Aufgliederung in sechs Geschäftsfelder werde sich voraussichtlich vorerst nichts ändern, heißt es bei den Analysten. Vor allem weil es schwierig ist, für einige weniger rentable Bereiche - wie etwa die Werften - Interessenten zu finden.
Die Aussichten des Konzerns bewertet der Analyst Braun zurückhaltend, vor allem wegen der eingetrübten internationalen Konjunkturperspektiven. Da die zyklische Stahlsparte immer noch rund die Hälfte zum Konzerngewinn beisteuert, ist Thyssen hier trotz deutlicher Produktivitätsfortschritte verwundbar. Die übrigen Sektoren wie zum Beispiel Automobilzulieferung und Aufzüge wirtschafteten zwar ordentlich. In der Automobilbranche rechnet Braun aber für 2001 international mit einem Absatzrückgang, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Und bei den Aufzügen dürfte es schwierig sein, die beachtliche Marktposition weiter auszubauen.
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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