Talent Guido
Das öffentliche Echo auf die Lösung der FDP-Führungskrise klang eher mäkelig: Schon ziemlich brutal, wie der gute Gerhardt weggeschubst wurde, und überhaupt liegt Möllemann doch weiter auf der Lauer. Niemand glaubt so recht an Team und Tandem. Trotzdem ist die Partei einstweilen gut weggekommen, viel besser, als sie es nach den Unheilswochen um Weihnachten herum erwarten durfte. Man muss kein Westerwelle-Fan sein, um in ihm eines der wenigen großen Talente zu erkennen, die sich im vergangenen Jahrzehnt auf der politischen Bühne etabliert haben
wahrscheinlich ist er sogar das einzige.
Bei aller Kurvenfahrerei zwischen Marktradikalismus, Showprominenz und wiederentdeckter "Herzensbildung" hat er die liberale Sache fast im Alleingang wieder erkennbar und interessant gemacht - ein Programm, das nicht bloß eine Wirtschaftsordnung meint, sondern ein Gesellschaftsbild und ein Lebensgefühl. Wem es nicht gefällt, der hat in Westerwelle immerhin einen satisfaktionsfähigen Gegner
Gregor Gysi und andere Liberalismuskritiker wissen das zu schätzen. Es wäre ein Treppenwitz gewesen, wenn sich der Generalsekretär in einem halb selbstverschuldeten, halb fremdverursachten Ambitionenchaos als Parteivorsitzender unmöglich gemacht hätte. Und doch sah es schon fast danach aus. Darum trotz allem und natürlich nur für den Augenblick: Glückwunsch, FDP. JR
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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