Tristesse gibt's umsonst

Patrick Modianos Liebeserklärung an Paris

Verdammt lang her die Zeit, als Zeit noch nicht Geld war und Geld bloß die paar Francs fürs nächste Abendbrot. Damals, als alles grau war, die billigen Absteigen, die trostlosen Cafés, der alte Regenmantel - und dennoch gelb im Gedächtnis haften blieb. Nach dreißig Jahren sitzt einer in der Metro und weiß es noch wie gestern: Paris, Winter 1964. Wie er im Gewühl auf der Place Saint-Michel, mit den schweren, alten Schwarten unter dem Arm, die kein bouquiniste ihm hatte abkaufen wollen, von einem Paar nach dem Weg gefragt wurde. Wie sich die Bekanntschaft entwickelte. Drei, vier Monate lang. Länger nicht. Trotzdem: "Ich erinnere mich kaum an andere Einzelheiten aus diesem Abschnitt meines Lebens. Ich habe die Gesichter meiner Eltern beinahe vergessen."

Es ist nur eine kleine Geschichte, die Patrick Modiano in Aus tiefstem Vergessen (Du plus loin de l'oubli, 1996) erzählt und die nun auf Deutsch erschienen ist. Eine kleine Geschichte aus noch kleineren Leben, aber umso größeren Hoffnungen. Nicht zum ersten Mal träumt sich der in der französischen Provinz geborene Goncourt-Preisträger von 1978 in die verlorenen Jahre vor der Rebellion, als Herumhängen noch kein politischer Akt war und das Glück ein Leben auf Mallorca. Diesmal heißen sie Gérard und Jacqueline, Modianos Findelkinder der frühen Sechziger, die reif sind für die Insel und doch nicht mehr dafür tun als Flippern, Kasinos abklappern und für dubiose Leute bei ihren dubiosen Geschäften Schmiere stehen. Der - wie Modiano 1945 geborene - Ich-Erzähler lässt sich mitschwemmen, versumpft mit den beiden, die er immer siezt, in Cafés, treibt durch die Straßen des Quartier Latin, unauffällig wie ein Stäubchen auf der Szenerie, in seinen alten, braunen Regenmantel gehüllt, seine Bücher unterm Arm, ein Studenten-Simulant.

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Später wird er einmal eine Nacht mit Jacqueline verbringen, an sie geschmiegt ins Leere fallen, "kühle Frische" atmen: Äther. Und noch später werden sie Gérard sitzen lassen, Cartaud beklauen, gemeinsam nach London abhauen, dort abhängen. Eigentlich egal, wo: Tristesse gibt's überall umsonst. "Wir brauchen bloß ein wenig Geld, um nach Mallorca zu fahren ..."

Patrick Modiano ist ein Künstler der Erinnerung, der flüchtigen Augenblicke, die bis in alle Ewigkeit im Gedächtnis lauern. Seine viel gepriesenen, häufig ausgezeichneten Romane heißen etwa Memory Lane oder Vestiaire de l'enfance (Vorraum der Kindheit). Und er schrieb sich, vor allem in den Sechzigern und Siebzigern, tatsächlich in die Vorräume seiner Kindheit hinein: Schauplatz dieser Prosa ist meist das Frankreich vor und während der deutschen Besatzung, die Modianos Vater, ein Jude, in einem Versteck überlebte

die junge, aufbegehrende Dora Bruder (1997) dagegen nicht. Seit Une Jeunesse (1981) hat sich der Vergangenheits(-er-)finder vermehrt auch den eigenen Räumen zugewandt. Peter Handke hat das Debüt über die "grauen Regenjahre" einer Jugend vor der Revolte übersetzt: eine Modianosche, eine Handkesche Kette aus "Momenten, die Erinnerung werden".

Stoßzeit am anderen Themseufer, eine Flut von Pendlern, die über die Waterloo Bridge strömt, unerbittlich alles mitreißend, Sekunden voller Panik. Oder Linda Jacobsen im Café von Notting Hill Gate: brünett, hohe Wangenknochen, blaue Augen - und "ein Freund, der Ihnen helfen könnte". Er wird den beiden Flüchtlingen helfen, mit einem Zimmer, genügend Taschengeld, Bekanntschaften.

Eine davon wird dem Ich-Erzähler den Anstoß geben, zu schreiben: Da fällt einer die Karriereleiter hinauf, und auf einmal lesen wir a portrait of the artist as a young man. "Ich erinnere mich an unsere letzten Spaziergänge. Ich begleitete Jacqueline zu Rachman, an den Dolphin Square ... Die Aussicht, in die Wohnung zurückzukehren, machte mir ein wenig Angst. Wieder müsste ich auf einem weißen Blatt Sätze aneinanderreihen, aber ich hatte keine Wahl."

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