Vierzehn Jahre lyrischer Atem

Es geht ein Gerücht, der sterbende Schubert habe zuletzt in den höchsten Tönen gesungen: Ich hab' eine Brieftaub in meinem Sold vielleicht oder andere Lieder aus dem Schwanengesang, krause Kopfmusiken bloß oder doch "Lebensmut" nach Rellstab? Wir wissen es nicht. Von der Gespenstigkeit der Szenerie schier unbeeindruckt und frech, stocherte der britische Pianist Graham Johnson unlängst in einer fiktiven Vergangenheit: Was wäre gewesen, so halluzinierte er, wenn Schubert erst anno 1862 gestorben wäre, im gemessenen Mannesalter von 65 Jahren? Nun, die Nachwelt würde sich heute etlicher Liederzyklen mehr aus seiner Feder erfreuen

Zyklen auf Texte von Lenau, Eichendorff, Mörike und Chamisso

Lieder, wie Schumann, Brahms und Wolf sie schrieben, an seiner Statt und doch ganz anders. Ein müßiges Gedankenspiel?

Gewiss. Eines aber ist sicher: Die Hyperion Schubert Edition, die Johnson seit 1987 unter seinen künstlerischen Fittichen hat, wäre wesentlich dicker ausgefallen als jene 37 CDs und Doppel-CDs aller Lieder Franz Schuberts (inklusive diverser Fragmente), die nun mit den Liedkompositionen des Todesjahres 1828 ihren Abschluss findet (Hyperion CDJ33037).

Ein Mammutprojekt. Star-Interpretinnen wie Janet Baker oder Brigitte Fassbaender wurden für ihre Einspielungen hoch dekoriert, Christoph Prégardien, Ian Bostridge und Matthias Goerne empfahlen sich als Nachwuchskräfte

vieles aber - die Programme der authentischen Schubertiaden etwa oder eher abstruse Themenbündel wie "Schubert und die Religion" - ergraute frühzeitig wieder. Dies gilt, bei aller Akribie, nun auch für Schuberts "Letztes Jahr". Johnsons ausgeklügelte Besetzung mit drei verschiedenen Tenören nämlich wirft eher Probleme auf, als dass sie ein antinarratives, antizyklisches Verständnis etwa des Schwanengesangs förderte oder erleichterte. Einerseits steuert jedes Stimmtimbre hier seine ganz eigene Farbe bei: Michael Schade gibt den juvenilen Mozart-Tenor, John Mark Ainsley den etwas sonnigeren, Anthony Rolfe Johnson den etwas düstereren Romantiker. Andererseits jedoch scheinen es die Interpreten - von Johnson am Klavier wenig gestört - auch gerne just dabei zu belassen. Was bleibt, ist die Ehrfurcht vor einem 14 Jahre langen lyrischen Atem. Aber wer weiß: Vielleicht hat der Syphilitiker Franz Schubert im November 1828 ja gar nicht gesungen, sondern geschrien, vor Schmerzen und Angst?

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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