Von jenseits des Himmels
Wer kein Bibel-Gelehrter ist, wird von dieser wunderkräftigen Verdeutschung, die seit einem halben Jahrhundert vorliegt, zum ersten Mal erfahren - wie schön: durch ein gigantisches Hörbuch.
Ebendies wollten die beiden Gelehrten, die von Hörbüchern keine Ahnung haben konnten. Bei aller Verehrung für Luthers Übersetzung der Bibel, die unser modernes - einheitliches! - Deutsch erst geschaffen hat, waren Martin Buber (1878 bis 1956) und Franz Rosenzweig (1886 bis 1929) darum bemüht, die Kluft zwischen Bibel und modernem Leser zu schließen.
Anders als manche zeitungsfremden Medien-Macher, die mit Seitenstechen hinter vermeintlich neuen Lesern hinterherhecheln, setzen Buber/Rosenzweig auf das langfristig bessere Programm: Antizyklisch handeln, den Gegen-Entwurf wagen - also das Buch der Bücher in seiner provozierenden Größe - und Fremdheit - den Lesern zumuten. "Die Bibel soll als ,Stimme' wahrgenommen werden."
Wo Luther, vor 500 Jahren, für seine Reformation alte Texte zurechtbog, beharren Buber/Rosenzweig mit guten Gründen auf der Vieldeutigkeit alter Wörter, Sätze und Erzählungen, die das Buch der Bücher zu einer bis heute verwirrenden, aber auch einer der schönsten Schrift-Sammlungen macht.
Es ist nur konsequent, dass wir diese Übertragung jetzt als Hörbuch kennen lernen. Denn die beiden sprachmächtigen Gelehrten versuchen, in ihrer Eindeutschung lautliche, rhythmische, poetische Eigenheiten der hebräischen Sprache zu bewahren oder nachzubilden. Moses lernen wir als "Mosche" kennen, Samuel als "Schmuel", Jeremia als "Jirmjahu". Wortspiele, Stabreime, Wortwiederholungen oder häufiger Gebrauch des Infinitivus absolutus schaffen einen zugleich altertümlichen wie ganz neuen Klang: "Dawid sprach zu Jonatan - Morgen ist doch Mondneuung, / und ich, sitzen müßte ich mit dem König, beim Essen sitzen."
Um den Charakter des "gesprochenen Wortes" zu bewahren, gliedern und rhythmisieren Buber und Rosenzweig die Verse nach "Atemzug-Einheiten", lassen die Sätze nicht einfach aufeinander folgen. Aus dem Schlusskapitel des Hohen Liedes in Luthers Deutsch ("Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz und wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, / daß auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gölte es alles nichts") wird dann - so fremd wie nah -: "Setze mich wie ein Siegel dir auf das Herz, wie einen Siegelreif dir um den Arm, denn gewaltsam wie der Tod ist die Liebe, hart wie das Gruftreich das Eifern, ihre Flitze Feuerflitze, - eine Lohe oh von Ihm her! / Die vielen Wasser vermögen nicht die Liebe zu löschen, die Ströme können sie nicht überfluten. Gäbe ein Mann allen Schatz seines Hauses um die Liebe, man spottete, spottete sein."
Gibt es ein neues Interesse an biblischen Texten? Daran könnte denken, wer Die fünf Bücher Mose in der ersten Übersetzung ins Deutsche liest, die Moses Mendelssohn 1783, damals noch in hebräischen Lettern, herausgebracht hat (Jüdische Verlagsanstalt, Berlin 2000
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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