Wahrheit ist die beste Verteidigung

Joschka Fischer, die Achtundsechziger und die dritte deutsche Vergangenheitsbewältigung

Alle, die in diesem Land etwas zu sagen haben, bekennen sich wacker zu jener freiheitlich demokratischen Grundordnung, die vor noch nicht allzu langer Zeit von den einen inquisitorisch verteidigt, von den anderen als FDGO verhöhnt wurde - damals in den Siebzigern, als der deutsche Herbst, als Radikalenerlass und Sympathisantenjagd eine Hysterie erregten, die weder freiheitliche noch demokratische Züge trug. Nicht alle, die sich heute Demokraten nennen, sind es immer gewesen. Einige haben dem totalitären Naziregime gedient und sich dann, aus Überzeugung oder weil ihnen nichts anderes blieb, in die neue Ordnung gefügt. Andere haben dem totalitären SED-Regime gedient und sind heute, aus Überzeugung oder weil ihnen nichts anderes blieb, Demokraten.

Wieder andere hatten sich in den wilden Sechzigern irgendeine Revolution in den Kopf gesetzt und den "scheißliberalen" Parlamentarismus durch eine außerparlamentarische Opposition bekämpft, die den zivilen Ungehorsam und manchmal auch die Gewalt predigte

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sie sind dann, sofern nicht im Gefängnis, in der Toskana gelandet und sitzen heute in Redaktionen und Verlagen, auf Regierungsbänken und in Vorstandsetagen.

Aus den meisten dieser Nicht- oder Antidemokraten sind also Demokraten geworden, und das ist zweifellos eine gute Nachricht. Auch die Demokratie sollte die Heimkehr ihrer verlorenen Söhne und Töchter begrüßen. Sie sollte sich aber nicht das Recht des Herrn anmaßen und die Motive erforschen wollen.

Sie hat allein die Taten, nicht die Gedanken ihrer Mitbürger zu bewerten.

Wie aber steht es mit den Taten der Vergangenheit? Bei Straftaten liegt die Antwort auf der Hand, und einige NS-Verbrecher, sofern man ihrer habhaft werden konnte oder wollte, sind (eher später als früher) zur Rechenschaft gezogen worden. Das moralische Urteil bezieht sich aber nicht allein auf die justiziable Straftat. Die Verbrechen der Nazizeit waren beispiellos und ihr Ausmaß derart, dass sie nicht bloß als Untat einiger Anführer zu verstehen waren, sondern als die eines ganzen Volkes.

Diese Schuld ist immer wieder eingestanden worden, bis hin zu fragwürdigen kollektiven Reueritualen, die insofern etwas Entlastendes hatten, als die Gesamtschuld sich auf vielen Schultern besser trägt. Eine gleichmacherische Schuldverteilung jedoch tut denen Unrecht, die in gefährlichen Zeiten Mut bewiesen und Nachteile in Kauf genommen haben.

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