Z wie Zickzack

Martin Stingelin hat das Denken von Gilles Deleuze nachgezeichnet

Vor dem Chaos, das beim Aufeinandertreffen von Denken und Dingen entsteht, bietet keine Philosophie Schutz. Nicht jeder aber stürzt sich in diese Unwägbarkeiten. Im Gegenteil. Der akademische Schlummer ist längst sprichwörtlich. Widerständig ist dagegen, wer sich auf dem Feld des Denkens wie ein Nomade bewegt. Gilles Deleuze, bekannt nicht zuletzt als Denker der Fluchtlinien, hat dies wie kein anderer getan. Wie kein anderer hat er auch das Chaos als das Element der Philosophie schlechthin gesehen. Darum ist es mehr als einfach nur ein schönes Aperçu, wenn der 1995 gestorbene Philosoph in einem erst posthum veröffentlichten Filmgespräch die Bewegung seines immer auch heiteren Denkens mit der "Zickzackfluglinie" einer Fliege verglich.

Ebendiese Bewegung als integrale Geste seiner Philosophie gewinnt erst jetzt nach der Publikation neuer Materialien deutlichere Konturen.

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In einer ersten, beeindruckend unaufgeregten Dokumentation zeichnet der Basler Germanist Martin Stingelin sie nach. Er stützt sich dabei auf die Vorlesungen von 1971 bis 1987, die in sukzessiver Transkription seit einigen Jahren als "web deleuze" im Internet zugänglich werden. Sodann auch auf jenes zuerst auf Arte gelaufene Filmgespräch, das L'Abécédaire de Gilles Deleuze, das bereits mit dem Titelwort auf eine ungewöhnliche Versuchsanordnung anspielt. Dieser Lust am Experiment oder Risiko entspricht wiederum ein "schöpferischer Erfindungsreichtum", den Stingelin gleich zu Beginn zum Anlass nimmt, der üblichen Polemik dem Philosophen gegenüber den Wind aus den Segeln zu nehmen. Schließlich bedürfe Schöpferkraft so wenig wie das Leben einer Rechtfertigung.

Deleuze selbst sah denn auch im Schöpferischen von Musik, Malerei und Philosophie eine nahe Verwandtschaft. Wie der Musiker dem "akustischen Strom" (auch der Stille) der Welt neue Klänge "entnimmt", so entnimmt der Philosoph den sinnlichen Anschauungen neue "Konzepte", vergleichbar den Zeichnungen der Maler. Gerade aus dieser für Deleuze so notwendigen Begegnung mit dem "Nichtphilosophischen" ergibt sich ein "Rhythmus", der die Bewegung des Denkens und der Affekte am Laufen hält, schon oder gerade weil jeder Schnittpunkt mit neuen Problemen auch stets die Frage nach neuen Konzepten oder Begriffen für "andere Seh- und Wahrnehmungsweisen" aufwirft.

Dieser Philosophie der Tabula rasa stehen jene "drei Verführungen" der traditionellen Philosophie gegenüber, die in genauer historischer Reihenfolge erst Kontemplation, dann Reflexion und neuerdings Kommunikation heißen. Sie führen jeweils die Illusion von Universalien mit sich, um ihren Herrschaftsanspruch als Geber von transzendenten Regeln nicht abzusichern.

Das Gegenteil von Transzendenz aber ist Immanenz oder vielmehr das "Rätsel der Immanenz", wie Stingelin am Beispiel der spinozistischen Ethik ausführt und darüber hinaus plastisch an zwei weiteren Prüfsteinen des Deleuzeschen Denkens darstellt, nämlich an Melvilles Bartleby und Northornes Wakefield.

Mit ihrer Unergründlichkeit bieten diese vermutlich abgründigsten aller modernen Helden für jenes Rätsel einer Welt unhintergehbarer Immanenz ebenso penetrante wie humorvolle Paradebeispiele. An diesen zerschellen alle Anmutungen humorloser Selbstgewissheiten und ziel- oder zweckgerichteter Sinnschöpfungen dann auch gnadenlos.

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