...frisst auch kleine Kinder
Wolfram Siebeck: "Einigkeit und Recht auf Eintopf", ZEIT Nr. 1
Ein amüsanter Text und eine kulturgeschichtliche Erinnerung der für uns Alte noch jungen Vergangenheit obendrein - wenn auch mit einer falschen Philosophie
denn über den Geschmack lässt sich nicht streiten, weil über gut und schlecht durch die Gaumen der Individuen entschieden wird, zumal, seitdem die Auswahl der Speisen groß ist. Was dem einen Gaumen eine Delikatesse, ist dem anderen vielleicht widerwärtig. Jedoch nicht wegen seines schlechten Geschmacks verurteilen wir den Kannibalen, sondern wegen seiner hierzulande unzulässigen Sitte.
Der Appetit ist lernfähig, zeigt auch Siebeck. Ich bin der Niemand (frei nach Lessing), dem zwar nicht Kohl, aber andere Pfälzer Eingeborene den Saumagen schmackhaft gemacht haben. Der Geschmack wird durch Lernen weder tugendhafter noch kultivierter, sondern vielseitiger, international, interkulturell.
Neulich traf ich eine Französin, die hatte gelernt, Sauerkraut nach deutscher Leitkochkunst zu schätzen - sie schien mir deswegen nicht barbarisiert.
In einem Lande, in dem jeder nach seiner Façon selig werden kann, wird man auch ungescholten nach der eigenen Façon satt werden dürfen, und sei es durch Brotsuppe mit Rosinen, wozu ich einen halbtrockenen Spätburgunder von der Ahr empfehle. Wolfram Siebeck mag das getrost ein Gräuel bleiben. Recht hat er
denn über den Geschmack lässt sich nicht streiten.
Dr. Günther Braun Mainz
- Datum 11.01.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2001
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